Der Traum andrer Leute

87 Stunden und 53 Minuten, fünf Zeitzonen, 5193 Kilometer Gleise. Und dabei den Traum andrer Leute leben – einmal mit der Transsib fahren. Hab ich nie von geträumt, stand nie auf meiner To-Do-Liste. Ich bin schon oft genug in Russland Zug gefahren, und ich bin mir sicher, dass die ganzen romantischen Reisegeschichten über die Transsibirische Eisenbahn sehr verklärt sind.
Wenn ich‘s mir aussuchen könnte, würde ich die Strecke lieber mit dem Auto zurücklegen, auf dem Beifahrersitz, mit einem netten Fahrer, der mir die Welt und Russland erklärt, irgendwann im Spätsommer. Ich würde in romantischen kleinen Dörfchen übernachten in alten, bunten Holzhäuschen und morgens Pfannkuchen und Grießbrei von einer niedlichen russischen Omi essen.
Aber es ist Winter und ich suche es mir nicht aus. Also Zug. Anne kommt mit, und auf Annes Reise-Abenteuer-Liste steht eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Wir fahren nur die halbe Strecke, nicht ab Wladiwostok, wo die Original-Transsibroute endet. 8998 Kilometer wären das dann, 146 Stunden und 3 Minuten mit dem schnellsten Zug, 244 Stunden und 57 Minuten mit der langsamen Variante.
Uns reichen die dreieinhalb Tage im Zug vorerst. Und damit es nicht ganz so zuglastig wird, haben wir kurz vorm Ural noch einen Zwischenstopp in Jekaterinburg eingeplant.
Am 15. Dezember um 17.18 Uhr Ortszeit geht‘s los. 12.18 Uhr steht auf unseren Tickets, weil die russische Bahn nach Moskauer Zeit fährt. Auch unser Zug fährt nicht die ganze Transsib-Strecke: Die Nr. 069Ja, Tschita – Moskau, ist 20 Stunden vorher 1000 Kilometer östlich gestartet. In Irkutsk hat der Zug eine halbe Stunde Aufenthalt. Wir haben also genügend Zeit, unser Gepäck in den Waggon zu schleppen – jeder zwei Rucksäcke und eine Tasche, dazu unser riesiger Proviantbeutel. Gut, dass unser Abteil noch leer ist. Schräg angeschaut werden wir von den wenigen Mitreisenden trotzdem – zwei Ausländermädels mit viel Gepäck in der russischen Bahn? Seltsam.
Russen reisen nicht in ihren Zügen im Sinne von Reisen, sie fahren nicht mit der Transsib, weil das so toll und romantisch und schön ist. Sie wollen einfach nur von A nach B kommen, und das möglichst günstig. Die billigste Variante ist die Platzkart, gut 60 Leute in einem Waggon, keine Türen, keine Privatsphäre. Etwas teurer ist das Coupé, vier Personen pro Abteil, mit abschließbarer Tür. Und dann gibt es noch die Lux-Wägen, wo sich nur zwei Leute ein Abteil teilen. Die sind aber so teuer, dass man sich auch ein Ticket fürs Flugzeug kaufen könnte. Hier sind dann vielleicht auch die Transsib-Romantiker zu finden.

Essen und schlafen
Anne und ich fahren Platzkart. Wir haben zwei Liegen übereinander und richten uns erstmal häuslich ein, schließlich werden wir jetzt zwei Tage im Zug wohnen. Wir rollen unsre Matratzen auf den Pritschen aus, beziehen die Kopfkissen, breiten die Laken aus.
Und jetzt? Unsre Abteilnachbarn sind zum Glück nicht so gesprächig, dass wir uns mit ihnen unterhalten müssten. Sie fahren beide bis Nowosibirsk, soviel bekommen wir mit. Und sie tun das, was man so tut als Russe im Zug: essen und schlafen.
Auch wir essen erstmal. Wir haben zweieinhalb Kilo Kartoffeln gekocht, zehn Eier, außerdem drei Packungen Instant-Nudeln und Kekse. Sollte reichen, um nicht vom Fleisch zu fallen. Schließlich werden wir uns ja auch kaum bewegen. Zu Trinken gibt es Tee. Heißes Wasser gibt‘s kostenlos vom riesigen Boiler in jedem Zugwaggong, Teebeutel und Tassen bringen die Passagiere selbst mit oder kaufen sie bei der Zugbegleiterin.
Wir haben uns überlegt, was wir machen können, drei Tage lang im Zug. Anne will stricken lernen, ich anfangen, einen Pullover zu häkeln. Außerdem haben wir Bücher dabei. Und eine Freundin hat uns Gesprächskarten gebastelt mit Fragen, falls uns die Themen ausgehen sollten. Ein Freund hat uns einen schlimmen Streit vorhergesagt, wenn wir so lange aufeinandersitzen und uns langweilen und nichts zu tun haben. Das ist aber der selbe Freund, der auch schon eine große Krise heraufbeschworen hatte, als ich mit zwei guten Freundinnen zusammengezogen bin. Und dann seid ihr alle zerstritten und ich sitz zwischen den Stühlen, meinte er. Die WG-Krise ist ausgeblieben, wir haben zwei Jahre lang friedlich und freundschaftlich zusammengewohnt. Und auch der Zugstreit mit Anne wird ausbleiben.

Brautraub? Normaler als Homo-Ehe
Als abends das Licht im Waggon ausgeschaltet wird und ich mich grade schlafen legen will, bieten unser Abteilnachbar von schräg gegenüber Anne von seinem Hackfleischauflauf an. Er hat noch mehr Essen dabei als wir, obwohl er früher aussteigt. Hat seine Freundin für ihn gekocht. Anne lehnt dankend ab, sie will kein Fleisch essen. Wie, kein Fleisch? Du musst Fleisch essen, Fleisch hat doch so viele Vitamine, wo willst du deine Vitamine sonst herbekommen? Fleisch ist gesund und lecker und grade im Winter muss man Fleisch essen! Bist du dir sicher, dass du nicht wenigstens probieren willst? Anne ist sich sicher. Sie darf dann überbackene Kartoffeln mit Pilzen essen. Und es beginnt ein typisch russisches Gespräch: Du bist noch nicht verheiratet? Du willst noch keine Kinder kriegen? Du bist schon 25? Aber wann willst du denn dann Kinder kriegen? Dann bist du doch schon eine Oma, wenn deine Kinder in die Schule kommen? Das ist viel zu spät! Bei euch in Europa dürfen Schwule heiraten, oder? Schlimm ist das, schlimm. Gibt es viele Homosexuelle in Deutschland? Und was gefällt dir an Russland?
Über den Gesprächspartner erfahren wir: Er ist 20, studiert an der selben Uni, an der wir waren, hat eine Freundin und will sie heiraten, darf das aber erst, wenn seine Eltern zugestimmt haben. Falls die Freundin den Eltern nicht gefällt, heiratet er sie eben nicht. Aber das ist keine russische Tradition, sondern eine aus dem Kaukasus. Falls er die Freundin trotzdem unbedingt heiraten will, hat er noch die Möglichkeit, seine Braut zu klauen. Auch kaukasische Tradition. Mädchen klauen, um sie zu heiraten, ist also normaler, als dass zwei Männer heiraten. Ich geh schlafen.
Zwei Männer, die ein Abteil hinter uns sitzen, trinken die ganze Nacht über. Auch eine typisch russische Zugbeschäftigung. Natürlich ist Alkohol im Zug eigentlich verboten. Geduldet wird er aber meist. Aber die beiden Männer sind zu laut. Irgendwann beendet die Zugbegleiterin die kleine Party und schickt die beiden Männer ins Bett: Wenn nicht in fünf Minuten jeder auf seiner Pritsche liegt, hol ich den Ordner!
Am nächsten Morgen ist es dunkel, drinnen wie draußen. Von wegen die schöne Landschaft Sibiriens aus dem Zugfenster aus betrachten, wie denn, wenn es überall dunkel ist? Wir durchschauen das Lichtsystem nicht. Während der längeren Aufenthalte an den Bahnhöfen ist das Licht im Waggon gedimmt. Sonst gibt es keine erkennbare Logik. Mal ist es tagsüber an, mal aus, mal bis abends um zehn auf Lesestärke, mal schon ab 19 Uhr gedimmt.
Das einzige, was bei dem bisschen Morgenlicht von draußen geht: essen und reden. Also essen wir. Unsere Nachbarn auch: Kartoffelbrei mit Hühnchen. Das Gerücht, dass jeder Russe mindestens ein halbes Hühnchen mit in den Zug bringt, bestätigt sich immer wieder. Eine Zugfahrt ohne Hühnchen scheint noch undenkbarer als eine Zugfahrt ohne Wodka zu sein.
Anne und ich packen die Gesprächskarten aus. Wer ist für dich Gott?, steht da. Es geht weiter mit Was ist für dich Freundschaft?, Was ist für dich Liebe? Gesprächskarten mit viel Gesprächsstoff. Als uns eine der Karten auffordert, mit unseren Reisegefährten ein Gespräch über Außerirdische anzufangen, legen wir den Stapel wieder weg. Und stricken. Und häkeln. Inzwischen ist es auch draußen hell genug, dass wir die Landschaft bewundern können. Schneebedeckte Felder, schneebedeckte Wälder, schneebedeckte Holzhäuschen. Manchmal atemberaubend schön, manchmal einfach nur weiß, manchmal grau und dreckig. Russischer Winter halt.

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Aber Hitler hat doch Autobahnen gebaut
Noch eine Nacht, noch ein Tag, die Gesprächskarten schwinden dahin, Annes Strickkünste werden besser, mein Pullover nimmt ganz langsam Gestalt an. Obwohl der Hintern noch nicht wirklich wehtut vom vielen Sitzen (schließlich liegen wir auch viel) und die große Langeweile noch nicht eingetreten ist, freuen wir uns, als wir unseren 24-Stunden-Stopp in Jekaterinburg einlegen.
Am nächsten Abend geht‘s in alter Frische zurück in den Zug. Wieder Tschita-Moskau, wieder Nr. 069Ja. 30 Stunden und 57 Minuten haben wir noch vor uns. Eigentlich wollen wir nur schlafen, der Tag war anstrengend. Aber unser Abteilnachbar ist gesprächig. Er richtet uns erstmal die Betten hin, weil er der Meinung ist, wir machen das falsch und nicht anständig und überhaupt macht ein Russe das ganz anders. Okay, bitteschön. Darf man fragen, wenn‘s kein Geheimnis ist, woher ihr kommt? Und, wenn‘s kein Geheimnis ist, was haltet ihr von Hitler? Aber Hitler war doch nicht nur böse, Hitler hat doch die Autobahnen gebaut?
Es stellt sich heraus, dass er Historiker ist. Ein hitlerverehrender Historiker? Nein nein, das mit Hitler war nur so ein Test. Aha. Er erklärt uns dann noch, wie das tatsächlich ist mit den Flüchtlingen in Deutschland (schließlich sind wir so sehr von der deutschen Propaganda geblendet). Aber, immerhin, er fragt auch mal nach, wie wir das so empfinden. Und sieht ein, dass auch er ein wenig von Propaganda beeinflusst sein könnte. Anne legt sich schlafen, heute hat sie keine Lust auf typische Russengespräche. Ich diskutiere noch ein bisschen weiter, irgendwann zeigt er mir Fotos von seiner kleinen Tochter. Um drei gehen wir schlafen.

Plattgedrückte Hintern und keine Lust mehr
Ich stehe spät auf, Anne ist schon längst wach und strickt. Der letzte Tag ist der schwerste. Wir könnten lesen, stricken, was schreiben, für den Blog. Aber wir haben keine Lust. Wir haben auch keine Lust zu schlafen und zu wenig Essen eingepackt, um einfach so zu essen, nur aus Langeweile. Also sitzen wir da und packen die letzten Gesprächskarten aus. Wie haben sich deine Eltern kennengelernt? Auch auf einer Reise, aber nicht in der Transsib. Wir reden.
Der Historiker von gestern Nacht ist ausgestiegen, für eine Stunde gestellt sich wer Neues zu uns. Mit ihm wollen wir aber nicht reden. Keine Lust mehr auf wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin, was machen zwei deutsche Mädels im russischen Zug und wie findet ihr Russland so. Er kapiert es und packt ein Buch aus. Wir lesen auch. Lustlos. Die Zeit ist zäh, vergeht kaum. Aber irgendwann wird es dunkel, endlich. Nur noch acht Stunden bis Jaroslawl, wo ich aussteigen werde. Anne muss noch weitere vier Stunden dranhängen bis Moskau.
Der Hintern tut weh. Und alle gehen schlafen. Also legen Anne und ich uns auch nochmal hin, dösen rum. Dann irgendwann ist es so weit. Wir hieven meinen großen Rucksack von der Gepäckablage ganz oben runter, ich stopf das letzte Zeug in meine Tasche. Um 23.34 hält der Zug am Jaroslawler Bahnhof. Wir sind in der Moskauer Zeitzone, keine Zeitverwirrung mehr, endlich. Tschüss, Reisefreundin, tschüss, Transsib. Die letzten vier Stunden, die letzten 282 Kilometer fährt Anne alleine. Und dann kann auch sie sagen: Abenteuer Transsib – check.

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