Kälte

Sibirien ist kalt. Natürlich ist Sibirien kalt. Aber doch noch nicht im Dezember. Kalt wird es im Januar, allerfrühstens, wahrscheinlich erst im Februar…
Aber dann sinken die Temperaturen schon im Dezember, werden zweistellig im Minusbereich, sinken weiter. Irgendwann sind es knapp -30°C. Mitte Dezember. Nicht lange, aber es reicht.
Der Rucksack wird steif vor Kälte. In der Nase gefriert es beim Atmen. Überhaupt gefriert alles. Überall da, wo Atemluft hinkommt, gefriert sie weiß: an den kleinen Gesichtshärchen, an den Haaren, die ums Gesicht liegen, am Schal, an der Kapuze. Die Wimperntusche verläuft, wenn die Wimpern im Bus wieder auftauen. Draußen tut es weh, die Augen aufzumachen.
Erstaunlicherweise fühlt der eigene Körper sich mollig warm an, wenn man sich nur genug bewegt, genug anhat, den Schal weit genug ins Gesicht zieht. Nur die Gegend um die Augen, die untere Stirn, manchmal noch die Nase und die Wangen, vor allem die Wangen, da wird es kalt.
Und das Warten an der Bushaltestelle wird zur Qual. Russinnen in Feinstrumpfhosen? Wie machen die das? Sie tragen zwar Pelz, das ja. Das, ja. Aber nackte Beine?
Der Pelz wird jetzt überall verkauft, an jeder Ecke hängt Werbung für Pelzausverkäufe, Pelzsonderverkäufe, Pelzläden. Man könnte mal hingehen, wenn das nur nicht so moralisch verwerflich wäre. Würde man nördlicher wohnen, irgendwo da, wo das Thermometer öfter mal -40°C, -50°C anzeigt, dann ja, aber eine Woche -30°C? Das ist höchstens eine Entschuldigung für Daunen.
Auch drinnen ändert sich das Leben bei diesen Minusgraden. Die beiden Wolldecken und der Daunenschlafsack im Bett wärmen nicht mehr richtig. Es zieht durch die doppelten Fenster, obwohl sie abgeklebt sind und die Heizung auf Hochtouren läuft. Der Spalt zwischen den beiden Fensterscheiben dient jetzt als Gefrierfach.
Und draußen passieren lustige Dinge. Ein Kühlschrank hält die Getränke eines Bistros warm, statt sie zu kühlen. Tauben scharen sich um Gullideckel, sie wärmen sich an der Kanalisation. Überall ist kalter Dampf, der gefriert: über dem Fluss, über den Kanaldeckeln, um die Menschen herum. Atem, der gefriert und jeden Einzelnen aussehen lässt, wie einen Kettenraucher. Echte Kettenraucher gibt es keine mehr auf der Straße. Zu kalt zum Rauchen. Zu kalt für alles. Überhaupt sind nur noch Touristen auf der Straße.
Der Schnee stapelt sich plötzlich kopfkoch, weil die Schneeräumer ihn nirgends sonst mehr hinräumen können. Sie sind in ganzen Kolonnen unterwegs, in dicken, gefütterten, dunkelblauen Hosen, dicken, gefütterten, dunkelblauen Jacken, mit orangenen Warnwesten, die Mützen tief in die Stirn gezogen, wollene Mundschutze vorm Gesicht. Der Schnee wird auf großen Lastwägen aus der Stadt hinausbefördert in die unbewohnten Gegenden, aber die LKWs kommen nicht hinterher. Ja, es kommt sogar vor, dass diese eine Sehenswürdigkeit, die die Stadt sehenswert macht, dass die zugeschneit ist.
Dafür tauchen auf den öffentlichen Plätzen der Städte große Eisblöcke auf, die mit Motorsägen zu kunstvollen Figuren geschnitzt werden. Und sie schmelzen nicht. Natürlich nicht. Über null klettert das Thermometer erst wieder im April. Frühstens.
Erinnerungsfotos von den Eisfiguren gibt es aber nicht. Überhaupt gibt es wenige Erinnerungsfotos. Sie sind nicht mehr so wichtig, bei der Kälte. Viel wichtiger ist es, warme Hände zu haben. Und den Foto mit Fäustlingen bedienen – das geht nicht. Außerdem wird selbst der frisch geladene Akku der Kamera minutenschnell leer. Er verträgt die Kälte nicht. Der Handyakku hingegen hält länger, im scheint die Kälte zu bekommen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es nicht sehr angenehm ist, in der Kälte die Fäustlinge auszuziehen, um das Smartphone zu bedienen. Also auch keine Erinnerungsfotos auf dem Smartphone.
Manchmal wird man tollkühn, selbst bei dieser Kälte. Nur kurz nach nebenan, ins Restaurant, da brauch ich keine Jacke anziehn, und schon gar keine Mütze und keinen Schal. Die halbe Minute, das wird schon nicht so schlimm werden… Doch, wird es. Sogar noch schlimmer. Es heißt nicht umsonst, ein echter Sibirier ist nicht der, der nie friert, sondern der, der sich warm anzieht. Auch bei -30°C.

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