Vegetarisch. Aber bitte mit Fleisch!

Olchon muss jeder Baikaltourist gesehen haben, sagen uns alle – von der Studiengangsberaterin in Potsdam über die Wohnheimdame in Irkutsk bis hin zu fremden Omis im Park. Deshalb steht ein Trip auf die größte Insel im See ganz oben auf der Prioritätenliste, als ich Besuch aus Deutschland bekomme.

Unsere Unterkunft wurde uns von Svenja und Alex empfohlen, die schon auf Olchon waren, mit dem besonderen Hinweis: „Das Essen ist superlecker, aber auch mit viel Fleisch.“ Deshalb schrieb ich bereits im Voraus das Hotel an und bat um eine vegetarische Verpflegung. Umgehend bekam ich eine Antwort: Dies sei kein Problem und wir sollten einfach sagen, was wir möchten.

Erstes Abendessen auch Olchon: Sieht lecker aus, aber auf zwei von fünf Tellerchen ist Fleisch – einmal sogar mit Knochen. Wir picken es heraus und sagen erstmal nichts. Nach dem Essen weise ich dann den Rezeptionisten darauf hin, dass unser Abendessen nicht vegetarisch gewesen sei. Ich erkläre, dass es zwar sehr lecker war, wir am kommenden Tag jedoch nur erneut im Hotel essen würden. sofern tatsächlich ein gänzlich vegetarisches Essen zubereitet wird. Völlig selbstverständlich antwortete er: „Die Köchin wollte, dass ihr das erstmal probiert und schaut, ob‘s euch vielleicht doch schmeckt mit Fleisch. Im Winter in Russland müsst ihr doch Fleisch essen! Esst ihr denn gar kein Fleisch?“ „Nein, gar kein Fleisch.“ Er erläuterte dann, dass es in Sibirien durchaus verschiedene Fleischsorten gäbe, und zählte auf: Hühnchen, Schwein, Rind, … „Ja, bei uns in Deutschland auch. Aber wir essen kein Fleisch. Gar kein Fleisch.“ Man verspricht uns also für den nächsten Tag ein vegetarisches Abendessen.

Zweites Abendessen auf Olchon: Die Köchin bringt das Essen höchstpersönlich zum Tisch und sagt mit einem Lächeln: „Probieren Sie das!“ Dieses Mal ist nur auf einem der fünf Tellerchen Fleisch. Aber vegetarisch ist das ja dann trotzdem nicht. Der Besuch aus Deutschland besteht darauf, dass ich mich beschweren gehe – schließlich zahlen wir auch für unser Essen. Der Rezeptionist reagiert verständnisvoll, die Köchin nicht. Sie wirft uns einen tödlichen Blick zu und zischt ab in die Küche. Zehn Minuten später bekommen wir geschnittes Rohgemüse – lecker, und so vegetarisch, ganz ohne Fleisch!

Drittes Abendessen auf Olchon: Auch dieses Mal sieht unser Abendessen exakt so aus aus, wie das der anderen Hotelgäste. Also wieder mit Fleisch, fragen wir uns? Nein. Wir hatten Glück: Aus dem Plow (Reis mit verschiedenen Fleischsorten) wurden die großen Fleischstücke liebevoll rausgepickt. Prädikat quasi-vegetarisch. Wir fühlen uns endlich verstanden. Dann überrascht uns der Rezeptionist jedoch mit einer letzten Frage: „Möchtet ihr zum Frühstück morgen Würstchen oder Wurstaufschnitt essen?“ Es scheint hoffnungslos zu sein.

__
Anne Weltin studiert nicht IRS, sondern Politik und Russistik an der Uni Potsdam und macht ein Auslandssemester in Irkutsk. Sie verzichtet gerne auf den Genuss von Fleisch – besonders bei Knochen im Essen nimmt sie Reißaus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s