Revolutionäre in Verbannung

Der Grund, warum ich mit Bestimmtheit sagen kann, dass ich nach Irkutsk zurückkommen werde, ist meine Mama. Letztes Jahr zu Weihnachten schenkte ich ihr die Erinnerungen Maria Wolkonskajas – einer Dekabristenfrau. „Wie die Natur da beschrieben wird, Elena da will ich unbedingt mal hin!“

Die Dekabristen sind die ersten großen Revolutionäre in Russland. Im Dezember 1825 proben sie den Aufstand, um die Vereidigung des neuen Zaren zu vereiteln. Damit soll in Russland die Monarchie gestürzt, eine Verfassung eingeführt und die Leibeigenschaft abgeschafft werden.

Durch Verrat in den eigenen Reihen wird der Aufstand niedergeschlagen. Die fünf Anführer der Verschwörung werden zu Tode verurteilt und über hundert weitere nach Sibirien verbannt. Viele davon in die Nähe von Irkutsk, wo sie in Strafarbeitslagern schuften müssen.

Die Revolutionäre sind in erster Linie Adelige, die im Zuge der Napoleonischen Kriege und ihrem Kampf Seite an Seite mit der einfachen Bevölkerung liberale Ideen aufgenommen haben. Diese Adeligen werden nun all ihrer Titel enthoben und lebenslang nach Sibirien verbannt. Ihren Ehefrauen wird das Recht zugestanden, sich von ihnen zu trennen, aber nur eine tut dies auch.

Viele andere, ungefähr vierzehn Frauen, folgen ihren Männern sogar in die Verbannung, auch wenn sie dafür ihre Kinder und ihr gehobenes Leben hinter sich lassen müssen. Nach einigen Jahren der Zwangsarbeit erhalten die Dekabristen dann die Möglichkeit, sich anzusiedeln. Vermutlich von Verwandten finanziert bringen sie so viel Kultur nach Irkutsk: Theater, Bälle, Musikabende, Lesekreise. Auch Schulen werden gegründet. Die Dekabristenfamilien erweitern sich und bleiben freundschaftlich verbunden. Aber auch zur einfachen Bevölkerung haben die Adeligen einen guten Draht, tauschen sich mit ihnen aus, werden selbst teilweise bäuerlich tätig.

All diese Zusammenhänge kann man in Irkutsk im Dekabristenmuseum nachvollziehen. Dort gibt es sogar Informationsblätter auf Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch und Deutsch. Leider hat diese aber niemand mit hinreichenden Kenntnissen geschrieben, weshalb ich mich nach dem Museumsbesuch anbiete, die deutsche Fassung einmal zu überarbeiten. Gesagt getan, aber die ganze Sache ist dann doch aufwendiger als gedacht. Denn Sinn zu wahren und gleichzeitig die Grammatik verbessern – gar nicht so einfach. Zum Glück gibt es dann noch die umfassendere russische Fassung, wodurch ich den deutschen Text sogar noch etwas erweitern kann.

Als Paula einen Monat später ins Museum geht, hängen dort aber leider noch immer die alten Texte. Mal sehen, ob sie ausgetauscht sind, wenn ich mit meiner Mama nach Irkutsk komme.

__
Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Über die Dekabristen hat sie eine Hausarbeit geschrieben – daher ihr umfassendes Wissen über die Revolutionäre.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s