Not Your Business!

Wir werden immer wieder belehrt, erzogen, auf Dinge hingewiesen, bevormundet. Und meistens wollen wir das nicht. Also, gemeiner Russe, take this und hör auf, einfach alles auszusprechen, was dir in den Sinn kommt! Wir sagen dir ja auch nicht, wie du zu leben hast.

Eine kleine Auswahl der Dreistigkeiten, die wir uns anhören dürfen:

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„Rauchen, muss denn das sein mit diesem Rauchen? Sie sollten das wirklich lassen mit dem Rauchen. Hören Sie auf zu rauchen! Das ist ungesund. Sie sollten das sein lassen. Und als Frau raucht man sowieso nicht, das schickt sich einfach nicht.“

(Passantin, die extra stehen bleibt, um das zu sagen)

„Geh besser nochmal rein und zieh dir eine Mütze auf. Es hat geschneit, es ist Winter, es ist kalt. Du solltest dir wirklich eine Mütze aufziehen. Du wirst noch krank!“
(Wohnheimswachmann und Wohnheimsdame, die grundsätzlich davon ausgehen, dass wir nicht warm genug angezogen sind. Andere Wohnheimsbewohner, die in kurzen Hosen zum Rauchen nach draußen gehen, bleiben jedoch unbehelligt)

„Jetzt hört mal endlich auf, auf dieser ausländischen Sprache zu sprechen! Ich versteh sonst gar nicht, ob ihr eine Bombe werfen wollt. Redet Russisch!“
(Angetrunkener Unbekannter im Bus)

„Ich frag mich einfach nur, wie ihr Freund in Deutschland sie dann küsst mit diesem Piercing auf der Oberlippe…“
(Uni-Dozent, den unser Liebesleben wirklich nicht zu interessieren hat)

„Mädchen, es ist Winter, es ist kalt, und Sie haben nichtmal richtige Socken an. Ihre Knöchel werden ganz kalt. Was ist denn das für eine neue Mode? Die Hose sollte länger sein und dicke Socken sollten Sie anziehen und auch wärmere Schuhe und überhaupt, ziehen Sie sich wärmer an. Sie werden krank und dann wundern Sie sich. Sie müssen auch noch Kinder kriegen! Ziehen Sie sich wärmer an.“
(Passantin, die das erst im Vorbeigehen sagt, dann aber nochmal extra stehen bleibt und sich zu uns umdreht, um ihren Vortrag zu Ende zu führen)

„Sie sollten Ihre Nägel wirklich nicht schwarz lackieren. Das schickt sich nicht. Und das bringt Unglück!“
(Unbekannte. Und der Nagellack war nichtmal schwarz)

„Wieso hängt hier nur ein Vorhang? Also bei uns in Russland hängt man zwei Vorhänge auf, damit man die auch richtig zuziehen kann von beiden Seiten. Ich weiß ja nicht, wie Ihr das in Deutschland so handhabt, aber hier solltet Ihr zwei Vorhänge aufhängen!“
(Wohnheimsoberste, die uns leider nur einen Vorhang ausgeteilt hat)

„Du bist noch nicht verheiratet? Du hast keinen Freund? Nein? In deinem Alter? Aber kein Problem, wir finden einen für dich, hier in Russland! Wir haben so tolle Männer! Keine Sorge, wir finden einen!“
(Alle Frauen jenseits der 40, immer.)

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Ein Gedanke zu “Not Your Business!

  1. Erst einmal vielen Dank für die regelmäßigen Blogs – sie machen mir das Leben und Studium in Irkutsk sehr anschaulich.
    Auf einen Beitrag, wie den obigen, habe ich schon lange gewartet. Ich hätte mich sehr gewundert, wenn es das uns nicht übliche Einmischen von Wildfremden in persönliche Dinge und das entsprechende Belehren in Russland nicht mehr gäbe. Übrigens, so geht es nach meiner Erfahrung nicht nur jungen Leuten, sondern auch denen jenseits der 50. Eingeleitet werden solche Sprachhandlungen meistens durch „(не) надо было, а…“. Prädestiniert sind dafür Garderobenfrauen und Verkäuferinnen, z.B., „не надо положить куртку просто так, как вы это делаете, а надо так – воротником ко мне, чтобы я сразу могла её взять“. Die Schelte über einen nicht vorhandenen/abgerissenen Aufhänger (s. einen der vorigen Blogs), die sich wie die Anklage bei einem Staatsverbrechen anhört, ist mir wohl bekannt.
    Ich bin also beruhigt: die (russische) Welt ist noch in Ordnung.
    Für mich waren/sind es diese Dinge, die mir während meines Teilstudiums seinerzeit in Rostow-am-Don vor Augen geführt haben, dass Russen und Deutsche ein unterschiedliches Kommunikationsgebaren – und wer es größer haben will – unterschiedliche Alltagskulturen haben. Die einem u.U auch gehörig auf den Wecker gehen (können). Ob man den Russen deswegen Gram sein sollte oder sie als ihre Macke hinnimmt, ist jedem überlassen. Wäre eigentlich auch nicht einsehbar, dass Russen und Deutsche identische Kommunikationsnormen haben.
    Also, lassen Sie es sich nicht verdrießen, sammeln Sie weiter so viele Eindrücke und Erfahrungen, wie möglich, und kommen Sie heil wieder nach Hause.
    Alles Gute zu Weihnachten und с наступающим 2017!
    Rolf-Rainer Lamprecht

    P.S. Speziell an Elena: Falls Sie es noch nicht wissen – das Purcell-Konzert findet am 24. und 25. Januar statt.

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