Party Nr. 5

Weil das mit der Karaokebar an meinem eigentlichen Geburstag ja nicht klappt, gehe ich einfach am Tag darauf mit den Mädels aus dem Chor zum Karaoke. Wir gehen früh los – schließlich gilt für uns ja die Sperrstunde im Wohnheim, um 23 Uhr müssen wir Zuhause sein. Und wir sind sogar so früh, dass die Karaokesession noch gar nicht startet.

Da es einen Mindestverzehr gibt, ordern wir gleich am Anfang ein paar Snacks und leckere Cocktails: „Dreimal bitte Liebe und einmal Sex on the beach!“ – Der Kellner lacht.

Um 20 Uhr beginnt endlich der Karaoketeil. Es gibt eine richtige Moderatorin, die den Abend mit einer gekonnten Karaoke-Version von Marilyn Monroes „I wanna be loved by you“ eröffnet. Noch ist die Bar nicht mal ansatzweise voll, aber die Stimmung ist schon wunderbar. Jeder Tisch stellt sich vor und da wir hier „den Geburtstag unserer Freundin Elena aus Deutschland“ feiern, bekomme ich nochmal ganz viele Glückwünsche.

Es gibt noch eine zweite Elena, die auch ihren Geburtstag in der Karaokebar feiert. Also läuft zwischen den Liedern auf der Bühne immer ein Banner mit der Aufschrift „Alles Gute zum Geburtstag, Lenotschkas“. Wir beiden Geburtstagskinder bekommen auch eine Flasche Sekt geschenkt sowie die Erlaubnis, dass wir an diesem Abend wirklich alles machen dürfen – sogar auf der Bar tanzen. Leider ist dort nicht genügend Platz, deswegen müssen die Bänke herhalten.

Zwischen den Auftritten gibt es verordneten Applaus und natürlich Tanz. Schnell steigt die Stimmung noch mehr. Meine französische Freundin fühlt sich revolutionär, als wir „I kissed a girl“ singen können – schließlich sind wir in Russland. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das schon unter homosexuelle Propaganda fällt, aber ein paar Russen singen mit. So schlimm kann‘s also nicht sein.

Der Abend verläuft, wie viele russische Abende verlaufen: Eine Freundin aus dem Chor wird ganz klassisch von einem Verehrer wiederholt zum Tanz aufgefordert und als unsere Chorleiterin mit einiger Verspätung endlich dazukommt, hat sie irgendein hohes Tier aus der Oblast-Verwaltung im Gepäck. Von da an wird unser Tisch immer voller, leere Gläser werden sofort wieder nachgefüllt und um die Bezahlung müssen wir uns nicht mehr kümmern.

Natürlich sind wir dann auch nicht um 23 Uhr zurück im Wohheim, sondern kurz nach zwei. Zum Glück sind die beiden Nachtwächter noch wach, dann müssen wir sie nicht wachklingeln. Gerügt werden wir natürlich trotzdem. Und müssen unsere Wohnheimsausweise abgegen. Gut, dass morgen früh jemand anderes Dienst hat, dann ist es nicht ganz so peinlich, sie wieder abzuholen.

Der Abend ist ganz anders verlaufen, als gedacht, aber wahrscheinlich war er genau deshalb so typisch russisch und so schön – ein toller Abschied so kurz vor der Abfahrt.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Sie ist überall die Queen of Karaoke, ob in der Karaokebar oder beim Gitarresingen Zuhause – die Herzen liegen ihr zu Füßen.

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