Geburtstag po-russki: Überraschung!

Dieses Jahr sollte ich meinen zweiten Geburtstag in Russland feiern. Naja, eigentlich natürlich den 24-sten, aber eben das zweite Mal Geburtstag in Russland. Aber wie, im Wohnheim mit Ausgangssperre? Meine Pläne änderten sich quasi täglich. Eigentlich wollte ich mit allen Karaoke singen gehen. Aber als ich feststellte, dass dort der Mindestverzehr pro Person bei tausend Rubel (etwa 14 Euro) lag und das wohl etwas teuer würde für meine russischen Freunde, entschied ich mich irgendwann, im Wohnheim zu feiern – trotz Alkoholverbot und Nachtruhe um 23 Uhr.
Die erste Überraschung kam in der Nacht zu meinem Geburtstag, kurz bevor ich schlafen gehen wollte: Ich hörte im Flur ein Feuerzeug schnappen und kurz danach öffnete sich die Tür und meine Freunde aus Deutschland (und Frankreich!) kamen mit einem Geburtstagslied, einer selbstgemachten Pfannkuchentorte mit Kerzen und einer Flasche Sekt herein. Party Nr. 1. Wir setzten uns also auf den Boden und tranken den russischen Sekt direkt aus der Flasche – weil nicht jeder seine eigene Tasse mitgebracht hatte. Über die Geschmacksrichtung („Paradies“) stritten sich die Gemüter: „Der hat irgendwie einen Tabaknachgeschmack…“, „Ja, auf jeden Fall etwas bitter!“, „Schmeckt es nicht vielleicht eher nach verbranntem Plastik?“ Die Flasche war trotzdem bald leer. Als alle wieder schlafen gingen, bekam ich dann noch ganz unverhofft ein wunderschönes Geburtstagsgedicht von meiner Zimmernachbarin.
Am nächsten Tag feierte ich dann mit einem nachmittäglichen Banjabesuch mit den Mädels – Party Nr. 2. Danach gingen wir zum Inder, wo schon um halb sechs die ersten betrunkenen Gäste hinauskomplimentiert wurden – wohl mit Hinweis auf die ausländischen Gäste, die man ja nicht abschrecken wolle. Party Nr. 3.
Um 21 Uhr ging es weiter mit der eigentlichen Geburtstagsparty – Nr. 4. Unsre burjatischen Freunde aus dem Stockwerk hatten und einen ihrer riesigen Pozy-Töpfe ausgeliehen, in dem sie sonst immer ihre Teigtaschen kochen. Wir machten keine Pozy, sondern zehn Liter Punsch. Als die Party grade in Gang kam, klopfte es an der Tür. Es war nicht die Nachtwache, nein, es waren Väterchen Frost und seine Enkelin Snegurotschka. Wie in Russland üblich, bekam jeder, der ein Gedicht oder ein Lied vortrug, etwas Süßes.
Danach wurde getanzt, gesungen und gelacht, wie es in „Heute kann es regnen“ prophezeit wird – und irgendwann schneite es sogar. Wir tanzten auch noch einen Karawaj, einen traditionellen russischen Geburtstagstanz. In der Küche, weil da mehr Platz ist. Und da kam tatsächlich die Nachtwache. Gut, dass der nette Wächter Dienst hatte. „Solange ihr leise seid und sich niemand bei mir beschwert, will ich nichts gehört haben“, sagte er und zog wieder ab. Mit uns mitfeiern wollte er dann lieber doch nicht.
In Russland fallen Gratulationen etwas anders aus, als bei uns. Wenn man jemandem etwas schenkt, wird erst einmal eine pathetische Rede gehalten, das Geburtstagskind wird mit all seinen positiven Eigenschaften gelobt und ich bekomme entsprechend so viele Komplimente, wie schon lange nicht mehr.
Als sich die Party langsam auflöst und wir gemeinsam in der Küche spülen, kam der Wachmann nochmal dazu und meinte, wir sollten jetzt aber wirklich leise sein. „Nach russischer Tradition soll man zweimal feiern, also mach doch einfach morgen weiter.“
Weil ich auch finde, dass nie genug gefeiert werden kann, bin ich am nächsten Tag dann doch noch mit den Mädels aus dem Chor in die Karaokebar gefahren – Party Nr. 5.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Fünfmal hat sie ihren Geburtstag bisher noch nicht gefeiert – aber sie könnte sich dran gewöhnen.

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