Einmal eine Fünf, bitte.

Es ist „Sessija“ an der Staatlichen Baikaluniversität in Irkutsk, Klausurenphase also. Wir haben in den meisten Fächern ein bisschen andere Bedingungen als unsere russischen Kommilitonen, müssen Hausarbeiten und Essays abgeben oder Tests Zuhause lösen. Dabei kommt immer wieder die Frage auf, was wir denn jetzt brauchen? Eine Klausur? Einen Test? Punkte? Noten?
In Deutschland gibt es benotete Veranstaltungen und unbenotete. In Russland gibt es „Eksameny“, also Klausuren, die sind benotet. Dann gibt es noch „Satschoty“, was ich vielleicht mit Test übersetzen würde – und die können benotet oder unbenotet sein.
Irgendwann, nach viel Hin und Her und einigen Gängen zu den falschen Anlaufstellen verstehen wir, dass es nicht reicht, wenn wir mit unserem Studienbuch aus Deutschland bei den Dozenten aufkreuzen und uns da die Note eintragen lassen.
Um eine Klausur, oder einen Test oder überhaupt irgendwas schreiben zu dürfen oder uns auch nur eine Bestätigung für die Teilnahme am Kurs abholen zu können, brauchen wir einen Schein von unserem Dekanat. Außerdem gibt es das „Testbuch“, in dem handschriftlich alle Kurse und Noten vermerkt werden. Unser Studienbuch aus Deutschland, das wir für die Anrechnung unserer Kurse brauchen, ist nur das Sahnehäubchen obendrauf.
Außerdem, erfahren wir beim Dekanat, müssen wir einen Antrag stellen, dass wir unsre Sessija früher abschließen wollen, weil wir nach Deutschland fahren wollen – sonst können wir nicht schon so früh unsere Noten bekommen.
Ein bisschen viel Bürokratie, aber das PULS-System an der Uni Potsdam ist ja auch nicht für seine Unkompliziertheit bekannt, deshalb ist das schon okay. Und für den Antrag reicht ein Fresszettel, auf den wir zwei Sätzchen mit einem gutformulierten „Bittebitte!“ klatschen.
Und dann geht das große Noteneintreiben los. Natürlich kriegen wir nur gute. Schließlich haben sich die Studierenden aus Deutschland ja Mühe gegeben. Und außerdem sollen sie sich mal darauf konzentrieren, die Sprache zu lernen. Haben wir gerne gemacht!
[Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben auch wirklich was getan. Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Hausarbeiten auf russisch schreiben ist nicht für alle ein Spaß! Und Dozenten, die russischen Kauderwelsch von sich geben, zu folgen, ist noch anstrengender als beim deutschen Pendant.]
Während wir fröhlich unsere Noten einsammeln, weist uns irgendwann eine Dozentin darauf hin, dass unsere Scheine aus dem Dekanat nur zehn Tage lang gültig sind, wie alle Scheine, immer. Na toll, also noch mehr Bürokratie, müssen wir etwa neue Scheine beantragen? Ein neuer Gang zum Dekanat. Kein Stress, meint die Sekretärin, die wir super finden, weil sie sich auskennt und sehr lösungsorientiert arbeitet – was man wahrlich nicht von allen Mitarbeitern der Uni behaupten kann. „Ihr lauft bei mir sowieso extra, Hauptsache, die Scheine sind ausgefüllt, was da für ein Datum draufsteht, ist egal.“
Uff. Wenn jetzt noch die Übertragung der Noten in Potsdam funktioniert, haben wir‘s geschafft.

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