Eisrutschen in der Atomstadt

In Angarsk wohnt die Schwester eines Freundes von uns, der aus Sibirien kommt, jetzt aber in Potsdam wohnt. Um die Geschenke an ihn weiterzugeben, bin ich zusammen mit Christina nach Angarsk gefahren. (Der eigentliche Grund war, dass die begehrten Putinkalender in Irkutsk schon aus waren und uns nach dem Artikel so viele Bestellungen erreicht hatten… Was man nicht alles tut für die fleißigen Blogleser!)
Ganz spontan fahren wir also mit der Marschrutka los – auf der Straße, die nach Novosibirsk führt („Noch 1538 Kilometer“). Es schneit, die Straße ist glatt, wir sitzen ganz vorne, sind nicht angeschnallt und der Fahrer fährt nicht besonders vorsichtig. Nie wieder vorne in der Marschrutka mitfahren, beschließen wir nach dieser Fahrt – wenn man hinten sitzt und nicht sieht, wie knapp dieses Überholmanöver grade ist, fährt es sich viel entspannter.
„Meinst du, wir sind einfach überängstlich oder ist es wirklich so gefährlich, wie die hier fahren?“, fragt mich Christina. Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Auf die Frage, warum die Russen solche Marschrutkafahrten nicht unheimlich finden, finden wir keine Antwort. Vielleicht muss man so furchtlos sein, wenn man in Russland überleben will. Oder die Russen sind durch zahlreiche Überlandfahrten auf glatten Straßen von frühster Kindheit an das alles so gewohnt, dass sie nichts mehr erschrecken kann.
Der Marschrutkafahrer meint auf der Hälfte der Strecke zu uns, ob wir mal bitte leiser reden könnten auf dieser unsren Sprache, Deutsch oder so, er würde sein Radio ja schon gar nicht mehr hören. „Ich dreh lauter, ihr redet lauter, ich dreh lauter, ihr redet wieder lauter, versteht ihr? Das geht so nicht.“ Wir geben uns ein bisschen Mühe.
In Angarsk angekommen treffen wir uns also mit der Schwester unsres Freundes und spazieren durch das Städtchen. 65 Jahre ist Angarsk alt, verraten und Plakate, die überall hängen – „Geboren durch den Sieg!“ Angarsk ist einer der Standorte des russischen Atomprogramms. Eine Fabrik, in der abgereichertes Uran verarbeitet wird, wurde mit Hilfe der Reparationszahlungen aus Deutschland nach dem Krieg aufgebaut.
Ganz nett hier, denken wir, aber viel los ist nicht im „St. Petersburg Sibiriens“, wie das Städtchen auch genannt wird. Immerhin gibt es schon Eisrutschen – in Irkutsk sind die noch nicht fertig gebaut. Direkt neben der obligatorischen Leninstatue auf dem zentralen Platz von Angarsk steht eine richtige Burg mit Rutsche aus Eis, bewacht von Väterchen Frost und seiner Enkelin Snegurotschka.
Wir sind die einzigen drei „Großen“, die rutschen, sonst wagen sich nur Kinder auf die Burg. Die sind auch richtig ausgerüstet mit ihren kleinen Plastikrutschkreisen. Ein Stück Pappe unterm Hintern tut‘s allerdings genauso gut – und wir sind sogar schneller, als die Kleine. Ob‘s am größeren Gewicht oder tatsächlich an der Pappe liegt, können wir nicht sagen.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Sie fährt lieber Zug als Marschrutka, auch wenn das manchmal länger dauert. Dafür fühlt es sich sicherer an.

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