Karaoke-Battle

Ich überlege, ob ich jemals auf einem Karaokewettbewerb war. Ich glaube nicht. Zumindest nicht in Deutschland. Ich war auf Weihnachtsfeiern vom Turnverein, wo alle Kinder etwas vorführen, oder auf Veranstaltungen der Musikschule, wo auch jeder sein Können vor Eltern, Geschwistern und geneigten Freunden unter Beweis stellen darf. Das kommt alles schon ganz nah ran an das Karaoke-Battle der Uni. Aber bei einem reinen Singwettbewerb war ich noch nie – zumal von Studierenden.
Also das erste Mal in Russland. Natürlich gehen wir hin, um Elena anzufeuern. Wir gehen davon aus, dass sie natürlich gewinnen wird, weil Elena immer alle Herzen erobert, als perfekt assimilierte Austauschstudentin ohne Akzent. Und singen kann sie auch noch. Und bühnenscheu ist sie auch nicht.
Ich bin ein bisschen zu früh da beim Battle und bekomme die letzten Momente der Probe mit. Die Dekanin der Russisch-Chinesischen Fakultät brüllt rum, hier passt etwas nicht, da steht ein Student verkehrt, außerdem verbeugen sich nicht alle gleichzeitig, wie sieht denn das aus, gebt euch mal ein bisschen Mühe, gleich kommen die Gäste!
Die kommen auch, aber nicht ganz so zahlreich. Schließlich sind die Eltern, Geschwister und geneigten Freunde der Austauschstudenten irgendwo weit weg in China oder der Mongolei. Dafür kommen ein paar Omis der russischen Teilnehmer. Und natürlich die ganzen Studierenden der Russisch-Chinesischen Fakultät.
Ein bisschen lustig ist es, dass der mongolische und der chinesische Konsul Irkutsks in der Jury sitzen. Recht und links von der Dekanin. Und der Konsul aus China lässt nicht nur die Studenten singen, um dann still und leise zu bewerten. Nein, er trägt erstmal selbst ein Gedichtlein vor, voll Inbrunst und mit viel viel Gefühl.
Dann geht‘s los. Es wird nach den Kriterien Gesang, Choreographie, Kostüm und Aussprache bewertet. Deshalb haben sich manche Kurse lustige Sketche ausgedacht, mit denen sie ihre Lieder untermalen. Auch beliebt: Slideshows mit Fotos der Sänger. Oder Videos, die die Heimat der Teilnehmer zeigen.
Von rührend-peinlich über lustig und gut gemacht bis zu supertalentiert ist alles dabei beim Karaoke-Battle. Und irgendwann wird uns klar, dass Elena nicht gewinnen wird. Die Mongolin, die als letzte auftritt, hat einfach das coolere Lied. Und sie kann super singen. Und ist die Lieblingsstudentin der Dekanin.
Trotzdem sind am Ende alle Gewinner. Weil sich alle so bemüht haben und so so toll aufgetreten sind. Die Dekanin ist zu Tränen gerührt. Gemeinsam mit ihrem Jury-Team hat sie sich für jeden Act eine besondere Gewinner-Kategorie ausgedacht: buntestes Kostüm, künstlerischste Aufführung, ausdruckstärkste Aufführung, romantischstes Lied, freundschaftlichste Aufführung, … Elena gewinnt den Titel für die beste russische Aussprache einer Nicht-Muttersprachlerin. Und die Dekanin muss das wirklich nochmal besonders hervorheben: „Sie ist eine wirklich richtige Ausländerin.“ Ehrlich wahr!
Obwohl alle Gewinner sind, gibt es dann aber doch nochmal gewinnendere Gewinner. Die Mongolin mit dem coolen Lied kommt auf den ersten Platz. „Unsere Schönheit, unsere Allerliebste, unsere kleine Helferin!“, liebkost die Dekanin sie. Wir haben ein wenig Zweifel an der Objektivität der Jury, aber gut. Sie hat ja auch gut gesungen.
Nachdem alle Teilnehmer ihre Teilnahmezertifikate (ohne Teilnahmezertifikat geht nichts in Russland!) und Preise (Uni-Shirts in vorteilhaftem Rot und Einheitsgröße) entgegengenommen haben, ist endlich Zeit für das Gruppenfoto. „Hach, darf ich mich in die Mitte stellen, ja?“, fragt die Dekanin. Natürlich darf sie.

Elena singt „Dva Kryla“ – zwei Flügel.


 

Und der Siegersong: Marschrutka.

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2 Gedanken zu “Karaoke-Battle

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