Tevjes Töchter

In Irkutsk gibt es einige Theater. Ein Dramatheater, ein Musicaltheater, ein Theater für junge Zuschauer, ein ein Puppentheater. Manche von ihnen haben wir schon besucht. So ging zum Beispiel ein paar Mitglieder unserer Gruppe ins Ballett, um Nussknacker und Schwanensee anzuschauen, ich war mit einer Freundin im Musical bei „Iisus Christos – Supersvesda“, also Jesus Christ Superstar auf russisch, und im Dramatheater besuchten wir das Stück „Anatevka“.

Die Titelmelodie dieses Theaterstücks, das meist als Musical aufgeführt wird, ist wohl den meisten bekannt: „Wenn ich einmal reich wäre“. Die Geschichte handelt vom jüdischen Milchmann Tevje, der in einem kleinen ukrainischen Dorf wohnt, versucht, seine Töchter günstig zu verheiraten, und nebenbei mit Armut und dem Zeitgeist, der immer antisemitischer wird, klarkommen muss.

Dieses Theaterstück, in dem der Patriotismus des russischen Zarenreichs eindeutig negativ dargestellt wird – das hätte ich so nicht erwartet, mitten in Irkutsk.

Das Bühnenbild war ein Sinnbild für all die Vertreibungen, die das jüdische Volk im Laufe der Geschichte erleben musste: In der Mitte ein Baum, den Tevjes Vater einst gepflanzt hatte, und im Zentrum ein großer Wagen, vor den sich der Protagonist einmal selbst spannt, weil das Pferd zu müde war, auf dem Hochzeit und Sabbat gefeiert werden, der immer auf Reisen ist, das ganze Stück über.

Wir lernen, dass das Wort Pogrom von dem russischen Wort „Grom“ für Donner abgeleitet wird. Nach dem Donner wendet sich der russische Teil der Siedlung Anatevka im Stück gegen den jüdischen Teil und zerstört dessen Häuser.

Die drei Stunden, die das Stück dauerte, gingen sehr schnell vorbei und von Lachen bis Weinen war alles dabei. Das Irkutsker Dramatheater hat wirklich ein fantastisches Ensemble.

Die lustigste Stelle war dann eine, die eigentlich gar nicht lustig war. Der Freund von Tevjes zweiter Tochter wird angeklagt, an Studentenunruhen beteiligt gewesen zu sein und wird deshalb verbannt. „Ich folge dir nach Sibirien, und wenn es dort kalt ist will ich dich wärmen“, sagt sie – und der Saal voller Sibirier lacht.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Und nutzt das kulturelle Angebot: Musical, Theater, Oper – solange zumindest ein bisschen gesungen wird, fühlt sie sich wohl.

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