… und sind so wissbegierig!

Von den verschiedenen Sprachkursen an der Uni waren wir erstmal alle beeindruckt. Wir dachten, dass in Russland auch an der Uni nur Frontalsprachunterricht stattfinden würde. Aber dann waren wir überrascht, wie spielerisch und voll neuer Methoden unser Sprachunterricht ist, und wie viel man dabei lernt. Das Wichtigste haben wir in unserem Stilistik-Russischkurs gelernt. Wir können jetzt Vollmachten, Lebensläufe, Quittungen und Empfehlungsschreiben schreiben, auf Russisch!
In „Modernes Russisch“ haben wir viel über Wortherkünfte, Synonyme und alle möglichen Wortarten gelernt, wobei die Dozentin es geschafft hat, diese oft eher spröden Themen unterhaltsam und interessant vorzutragen. Ich zum Beispiel habe da gelernt, dass „Spasibo“ (Danke) von „spasi“ (retten) und „bog“ (Gott) kommt – Vergelt‘s Gott, wäre wahrscheinlich das deutsche Pendant. Unseren Abschlusstest hat sie extra leicht gemacht, „für die Ausländer“. War trotzdem knifflig. Da wir den Text aber Zuhause lösen durften, hatten wir genügend Zeit und (virtuelle) Hilfe.
In „Geschichte der Vaterländischen Literatur“ haben wir natürlich die russischen Klassiker behandelt. Wie die Studenten all ihre Literatur à la „das habt ihr ja sicher schon gelesen, und das solltet ihr wirklich unbedingt lesen!“ bewältigt haben, bleibt mir ein Rätsel. Wir mussten „nur“ eine Hausarbeit schreiben. Die umfangreichste von allen, die wir hier in Irkutsk abgeben mussten. „Ach, schreibt mal nicht so viel, vielleicht 15 Seiten“, meinte die Dozentin noch zu Semesterbeginn. Für die, die noch nicht so gut Russisch sprechen und vor allem schreiben, wurde die Seitenzahl dann gegen Semesterende auf zehn runtergehandelt. Kurz vor Abgabe haben wir dann erfahren, dass die Standardschriftgröße für schriftliche Arbeiten in Russland nicht zwölf, sondern 14 Punkt sind – 15 Seiten waren also machbar.
In „Alte Sprachen und Kulturen“ wurde viel diskutiert und es war meist nicht so ganz ersichtlich, worauf der Dozent hinaus wollte. Deshalb haben die meisten Deutschen sich bald Veranstaltungsalternativen gesucht. In erster Linie ging es ihm wohl darum, den Studierenden die Tatsache ihrer kulturellen Prägung klar zu machen und zu versuchen, ihnen eine abstrakte Herangehensweise an die Kulturwissenschaft näher zu bringen.
Die Politik- und Wirtschaftsveranstaltungen waren insofern interessant, als sie vor allem geschichtliche Sachverhalte beleuchteten. In der Uni in Deutschland kam es mir oft so vor, als bestünden Phänomene wie beispielsweise die Geldschöpfung einfach so und seien daher auch nur sehr schwer veränderbar. Durch die Veranstaltungen hier und die historische Erklärung für den Geldschöpfungsprozess als Resultat politisch opportunistischer Entscheidungen, fällt für mich ein ganz neues Licht auf ihn. Durch die geographische Nähe zu Asien war auch China in den Vorlesungen immer wieder Thema, worüber ich in Deutschland nur recht wenig erfahren hab.
Eine Veranstaltung, bei der eine deutsche Kommilitonin sich noch nach der ersten Stunde freute „7000 Kilometer musste ich fahren, um meine erste spannende Univeranstaltung zu besuchen“, entwickelte sich dank des Dozenten irgendwann in eine „Na gehst du heute hin?“-„Nee, keine Lust auf unreflektierte eigene Meinung“-Veranstaltung. Die Vorlesung war zwar inhaltlich sehr interessant und der Dozent konnte wunderbar erzählen und beschreiben. Aber die Objektivität und der professionelle Abstand zu den Dingen fehlten ihm etwas. So sei Deutschland beispielsweise ganz offensichtlich kein souveräner Staat, schließlich seien auf deutschem Territorium ausländische Truppen stationiert – ein Reichsbürger in Russland? Aus seiner Meinung zu Homosexuellen, Flüchtlingen und nicht zuletzt seinem Präsidenten machte er auch keinen Hehl. Und verlor manchmal die Distanz zu seinen Studenten, indem er indiskrete Fragen stellte. Schade um die interessante Vorlesung.
Umgekehrt hatten wir aber auch Dozenten, die ihre persönlichen Überzeugungen nur unter vier Augen preisgaben: „Mir gefallen diese neuen Werte in unserer Gesellschaft nicht. Dieser unreflektierte Patriotismus – das würde ich aber natürlich nie vor den Studenten sagen.“

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Besonders die angeregten Diskussionen mit den Politik- und Wirtschaftsdozenten wird sie vermissen, wenn sie wieder nach Deutschland geht.

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