Ausflug à la russe

Bevor unser Abenteuer in den heißen Quellen starten konnte, musste die ganze Reise organisiert werden. Nach russischer Art passiert das alles eher etwas kurzfristig. Da ich mit Aigul im direkten Kontakt stehe, prasseln viele Fragen à la „Wann geht es denn los?“, „Haben wir schon eine Unterkunft?“, „Wer von den Russen kommt denn jetzt mit?“ und „Was haben wir genau dort vor?“ auf mich ein. Diese kann ich leider nur mit „Ich weiß es nicht genau, wir haben wahrscheinlich eine Marschrutka ganz für uns alleine. Das Haus ist noch nicht gebucht, das reicht vor Ort und ich glaub wir gehen Baden“ beantworten.

Wo wir wohnen werden, regelt sich tatsächlich erst auf der Fahrt dorthin. Aber immerhin haben wir am Ende eine Adresse die wir ansteuern können. Und was für eine! Ein großes Ferienhaus, in dem wir mit 16 Personen wunderbar Schlafplatz haben, eine große Küche mit Tisch und russischem Ofen.

Wie in Russland so oft, ist das Ferienhaus unglaublich kitschig, mit Glitzertapete und Plüschschlafsofas. Aber sehr gemütlich. Es gibt zwar keine Dusche, wohl aber eine echte Luxustoilette: im Haus und nicht draußen, und das Licht geht beim Öffnen der Tür von selbst an. Die Klospülung muss allerdings mit einem Seil betätigt werden.

Nachdem wir uns von der Marschrutkafahrt erholt haben, geht es direkt los zum großen Wasserfall in Arschan, wobei wir auf dem Weg dorthin schon an Mineralquellen vorbeikommen, die natürlichen Sprudel ausspucken. Der Weg zum Wasserfall ist steil und da es schneit auch sehr glatt, weshalb es einige von uns regelmäßig hinlegt. Den Blaue-Flecken-Wettbewerb hab dabei ich gewonnen.

Umso beeindruckender ist dann jedoch der Wasserfall, der sich, schon halb eingefroren von Felsen stürzt. Mit dem Schnee ringsum wunderschön.

Schon auf dem Hinweg sind wir über einen burjatischen Markt gekommen und beeindruckt ob der Vielfalt an Heilkräutern und warmen Kleidern. Es ist auch das erste Mal, dass wir tatsächlich Menschen in Unty, den typischen sibirischen Pelzstiefeln sehen.

Insgesamt scheint um Arschan herum alles heilig oder zumindest sehr gesund zu sein, denn Aigul verspricht mir, meine blauen gebeutelten Knie würden am nächsten Tag durch die heiße Quelle geheilt, da diese besonders gut auf Knochen wirke.

Ehe die Knie am nächsten Tag allerdings geheilt werden können stürze ich abermals, diesmal allerdings gewollt, in eine tiefe Schlucht, die der Wasserfallbach wohl einst geschlagen hatte. Dies geschieht mit der sogenannten Tarzanka, zu deutsch Seilbahn, das russische Wort kommt tatsächlich vom Affenmenschen, der sich von Liane zu Liane durch russische Schluchten… aber das ist eine andere Geschichte.

Die Seilbahnfahrt ist sehr beeindruckend, kann man doch dabei zu den Bergen aufschauen und deren Majestät genießen. Die sibirischen Berge – Sajany – verleiten einen schnell zu der Annahme, sie seien sehr hoch, zumindest zu dieser Jahreszeit, denn die Gipfel sind schneebedeckt. In Wahrheit sind sie bis zu 3000 Meter hoch, allerdings nicht bei Arschan. Nichtsdestotrotz beeindruckend.

Die Abende in Arschan verbringen wir typisch russisch, mit Gitarre und Gesang. Einmal kommt der Gast des gegenüberliegenden Ferienhauses vorbei; er habe gehört es gäbe hier eine Gitarre, er wolle wohl mal gern wieder spielen, aber es sei schon so lange her. Er singt uns schöne Lieder, erzählt ein bisschen seine Lebensgeschichte und verhockt zum Glück nicht zu sehr. Seine Ankunft wurde uns laut russischem Aberglauben, und der ist unter unseren Begleitern sehr verbreitet, durch ein heruntergefallenes Messer angekündigt. Wäre ein Löffel heruntergefallen, hätten wir wohl eine Gitarristin zu Besuch gehabt.

Obwohl unsere russischen Freunde nichts trinken – die Halbliterflasche Wodka bleibt ungeleert – schaffen sie es die ganze letzte Nacht durchzumachen – „Wie im Ferienlager, die letzte Nacht ist Königsnacht!“ – um am nächsten Morgen den Sonnenaufgang zu sehen.

Vor unserer Abreise am Sonntag schaffen wir es noch, ein buddhistisches Tazan zu besuchen. Hier in Sibirien, in der Nähe der Mongolei, ist der Buddhismus sehr verbreitet. Vor allem in Burjatien. Im Tazan laufen wir 21 mal um ein buddhistisches Denkmal, das soll Glück bringen, und wir wohnen einer Art Messe bei.

Bei der Rückfahrt können wir die wunderschönen Berge betrachten, sowie am Berg liegengebliebene LKWs.

Mein Knie tut übrigens, obwohl es wirklich sehr blau ist, nicht mehr weh. Ob das jetzt am buddhistischen Ritus, dem guten Quellwasser oder mir selbst liegt, bleibt wohl für immer ein Geheimnis.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Meist ist sie auch ohne glatte Wege die Königin der blauen Flecken. Woher die kommen? Weiß sie nicht.

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