Liebe, Möhre und Gewöhnung

Du musst unbedingt dieser Gruppe auf vKontakte* beitreten, schreibt eine russische Freundin, da gibt es ein wunderschönes Russland – eins, in das du dich sofort unsterblich verlieben wirst. Sie meint Fotos, Geschichten, Gedichte. All diese Dinge, die wir unter russischer Seele verordnen.
Einfach so?, frage ich.
Na klar einfach so, man muss sich doch immer einfach so verlieben.
Stimmt, sage ich, man muss sich ohne Grund verlieben. Und erst danach versteht man dann, warum man eigentlich verliebt ist.
Ja! Und in Russland kann man sich auch nur so verlieben. Und danach verstehen wir erst, dass wir es schon längst lieben.

So ist es tatsächlich. Ich habe mich nie für Russland entschieden. Russland kam zu mir, damals, als ich in der elften Klasse unbedingt einen Schüleraustausch machen wollte, unbedingt nach Frankreich gehen wollte für ein Jahr. Aber da gab es keine Plätze mehr. Du kannst nach Russland gehen, wurde mir angeboten. Dann also Russland, dachte ich mir. Und damit hatte mich das Land. Es war nicht immer schön, es war auch schwer und anstrengend und einsam in Russland. Aber Liebe ist auch nicht immer schön. Liebe ist manchmal auch schwer und anstrengend und traurig einsam. Aber sie ist eben da und geht nicht mehr weg.
Zurück vom Austausch war all das Schwere und Anstrengende und Einsame weggelöscht aus meinem Gedächtnis und hatte nichts anderes mehr im Kopf, als dass ich wieder unbedingt zurück muss nach Russland. Also nach dem Abi, nochmal ein Jahr, nochmal ins Unbekannte. Nur die Sprache kannte ich diesmal schon. Wieder viel Schweres, Anstrengendes, auch Einsamkeit. Aber noch viel viel mehr Schönes. Und wieder bleibt nur das Schöne in meinem Kopf. Ich studiere „irgendwas mit Russland“, fahr hin so oft ich kann, denke manchmal russische Gedanken, einfach so, weil es geht.

Und dann können wir schon gar nicht mehr anders, stelle ich also fest.
Genau, sagt die Freundin. Wir sind für immer verheiratet.

Es gibt eine russische Redewendung: ljubow-morkow. Liebe-Möhre. Sie hat einen schönen Rhythmus. Und mit ihr werden neue, stürmische Lieben bezeichnet, die noch nicht so ganz ernst genommen werden, aber irgendwie auch schön sind. Die von der Seite belächelt werden, die sich insgeheim aber auch jeder wünscht.

Vielleicht ist das so, mit Russland und uns. Ljubow-Morkow. Möhrenliebe. Und Gewöhnung. Liebe, Möhre und Gewöhnung.

* russisches Äquivalent zu Facebook

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