Wenn einer eine Party schmeißt

In Potsdam im Studentenwohnheim kommt ab und zu die Polizei vorbei wegen Ruhestörung, die ist ja auch nebenan. In Irkutsk im Studentenwohnheim wohnt die Polizei quasi mit im Haus. Nicht mit Uniform und auch nicht bewaffnet, aber ihr Gewaltmonopol setzt die Ochrana, also die Wache, im Wohnheim konsequent durch.

Das hat durchaus seine Hintergründe, immerhin wurde im Wohnheim nebenan vor 15 Jahren mal jemand niedergestochen und ein Mädchen vergewaltigt. In unserem Wohnheim jedoch wohnen die Erwachsenen, die Masterstudenten, die in unserem Alter sind, und deshalb nach eigenen Angaben total seriös. Da kann nichts passieren. Nichtsdestotrotz gibt es strenge Auflagen. Kein Alkohol im Wohnheim, zum Beispiel, und keine Mädchen und Jungs im selben Zimmer nach Mitternacht.

Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Also entschlossen wir uns, der Einladung des örtlichen Imkers Mischa zur Honigschnapsverkostung in seinem Zimmer zu folgen.

„Medovucha ist ein ursprüngliches russisches Getränk hier in Russland. Das gibts schon länger als Wodka, denn früher gab es hier ja auch keine Hefe, geschweige denn Zucker“, erklärt er uns. Nach einem Vortrag über Bienen im Allgemeinen und die Imkerei im Besonderen kann die Verkostung dann beginnen. Der Medovucha hat 37,5 Prozent, ist aber ganz aber lecker. Nicht zu süß nicht zu schwach und zudem eine Rarität, wie Mischa uns erzählt: Dieses Jahr konnte er nur drei Liter Medovucha herstellen. Wir fühlen uns geehrt ob der Möglichkeit, davon zu kosten.

Ein weiterer Wohnheimfreund, Vadim, hat seine Gitarre dabei und so nimmt der Abend einen typisch russischen Verlauf: Wir singen, stehen auf zum nächsten Toast, singen weiter, es kommt ein kleines Trinkspielchen dazu, der Medovucha wird von Vodka abgelöst, wir fühlen uns wohl.

Die Zeit allerdings schreitet voran und der Ochranik beginnt seine Runden auf dem Flur zu drehen.

Wir regeln natürlich mit der fortschreitenden Zeit unsere Lautstärke herunter, damit wir nicht direkt Probleme bekommen.

Aber dann, auf einmal – Stromausfall. Im Dunkeln geh ich schnell in unser Zimmer um eine Kerze zu holen. Die brennt dann auch sehr romantisch in unserer Mitte, bis auf einmal die Tür auf- und das Licht angeht und der Ochranik uns hinausscheucht. Dabei war es gerade so schön? Eigentlich schade, jetzt schon zu gehen.

Wir verschwinden kurz in unseren Zimmern, beschließen dann aber, zurück zu gehen. Das ist allerdings gar nicht so ungefährlich, da im Flur Kameras hängen und der Strom inzwischen wieder fließt. Wir gehen also wieder zurück und sind froh, dass unsere Freunde noch nicht schlafen. Es geht leise und lustig weiter.

Allerdings zieht auch der Ochranik-Mann weiter seine Runden durch die Korridore und klopft abermals an unsere Tür, die wir inzwischen von Innen abgeschlossen haben. Ich verstecke mich schnell unter dem Schreibtisch und so wird nur unser deutsches „Ehepärchen“ hinauskomplimentiert: „Soll ich euch jetzt an der Hand in euer Zimmer bringen oder was?“.

Ich bleibe unentdeckt, mache mich dann allerdings eine Viertelstunde später auf den Rückweg. Hoffentlich unsichtbar in den Kameras des Wachmanns.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Hier wie dort findet sie Wohnheime toll – schließlich findet man da schnell neue Freunde und kann die besten Partys schmeißen.

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