Wie anno dazumals

„Ich war dort schon sehr oft und es ist wirklich total spannend dort!“ Unser Wohnheimfreund Mischa ist ganz begeistert vom Freilichtmuseum Talzy, das eine halbe Stunde Autofahrt von Irkutsk entfernt liegt.

Freilichtmuseen gibt es in Russland wie Sand am Meer. Sie zeigen, wie die Vorfahren, die Ahnen früher „auf der Rus‘“ gelebt haben. „Rus‘“ ist das ursprügliche russische Wort für Russland. Immer wenn es also um die Zeit vor der Europäisierung durch Peter den Großen im 18. Jahrhundert geht, spricht man von der Rus‘. Das heutige Russland heißt auf russisch „Rossija“ – ein Wort, das Peter der Große eingeführt hat und aus dem Lateinischen kommt.

Hier in Sibirien leben die Russen noch nicht allzu lange. Ursprünglich war die Gegend von Burjaten besiedelt. Entsprechend werden in Talzy nicht nur russische Holzhäuschen ausgestellt, die es auch im europäischen Teil des Landes zu sehen gibt, sondern auch die Kulturstätten und Lebensumstände der Burjaten.

Der Gang ins Freilichtmuseum beginnt mit einem kleinen Spaziergang durch einen Birkenwald. Als erstes sehen wir zeltähnliche Behausungen, die mit Baumrinde verkleidet sind, oben eine Öffnung und in der Mitte des Zeltes eine Feuerstelle haben: Zelte der Burjaten. Wir besichtigen Bärenfallen, Vorratshäuser, die auf Baumstämmen stehen, um die Lebensmittel vor Wölfen und Bären zu schützen, Boote, altertümliche Leitern und schließlich modernere Zelte, die von Innen bereits mit Holzdielen verkleidet sind. Später sehen wir noch burjatische Jurten aus Filz und Holz.

Dann beginnt der russische Teil des Freilichtmuseums. Hier ist ein ganzes Dorf nachgebaut, mit Kirche, Mühle, Dorfverwaltung mit Gefängnis und Leichenhalle und natürlich typische russische Bauernhöfe.

Die meisten Ausstellungstücke sind alte russische Häuser, die in Dörfern um Irkutsk herum abgebaut wurden, die durch den Bau von Wasserkraftwerken geflutet werden mussten. Jedes Jahr kommen neue Häuschen hinzu, obwohl das Museum jetzt schon riesig ist.

Im Sommer und zu russischen kirchlichen und staatlichen Feiertagen gibt es in Talzy viele Workshops und Festlichkeiten, die den Besuchern das Leben in der alten Rus‘ nahebringen. Auch traditionelle Kunsthandwerker, die arbeiten wie anno dazumals, haben sich im Museum einquartiert.

Gerne wären wir noch zur Baba Jaga ins Häuschen gegangen, um uns die Zukunft aus der Hand lesen zu lassen. Aber die war gerade ausgeflogen.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Bei ihrem ersten Auslandsjahr in Russland hat sie schon in westlichen Teil des Landes ein riesiges Freilichtmuseum mit alten Holzhäuschen besichtigt – und auch da war die Baba Jaga grade ausgeflogen.

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