Wehleidige Äs

„Wo gesungen wird, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Getreu diesem Motto suche ich überall, wo ich neu ankomme, einen Chor. Meist treffe ich dort auf nette Leute, und singen tu ich auch gern. Deshalb suchte ich also auch in Irkutsk direkt einen Chor.

An der Staatlichen Baikaluniversität, unserer Gastuniversität in Irkutsk, gibt es schon länger keinen Chor mehr. Dafür aber ein Vokalensemble für russische Volkslieder.

Wenn man in Deutschland an Volkslieder denkt, stellt man sich meist eine Gruppe geselliger Rentner vor, die sich regelmäßig trifft und die Lieder ihrer Jugend aufleben lässt. In Russland hingegen sind Menschen aller Altersgruppen in Volksliederensembles. Sie singen in traditioneller russischer Tracht, mit Mikrophon und musikalischer Begleitung. Wahlweise sind das Balalaikas, die traditionellen russischen Saiteninstrumente. Oder Minusowkas, also Karaokeversionen der Lieder, die irgendwie an trashigen Techno erinnern. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, Technotrash mit russischer Volksmusik zu vermischen, aber es scheint zu funktionieren.

Christina, die mit mir zum Chor geht, und ich waren bei der ersten Probe überrascht, wie laut und durchdringend die Chormädels sangen. Aber wir merkten schnell – das muss so. Denn ohne fast zu schreien, kommen die für den russischen traditionellen Gesang erforderlichen Klänge gar nicht aus der Kehle. Ein bisschen wehleidig klingen sie, die langgezogenen Äs und As und Es und Os. Aber auch das muss so. In russischen traditionellen Liedern wird nämlich viel gelitten. Weil selbst den freudigen Anlässen ein gewisser Schmerz innewohnt: Wird ein Mädchen verheiratet, verlässt sie schließlich ihre Familie und muss sich alleine woanders zurechtfinden – Grund genug für Tränen. Auch wenn über die Heimat, das geliebte Russland, das geliebte Sibirien gesungen wird, weht ein Hauch Melancholie mit. Einfach, weil es ohne nicht geht. Neben Liebe, Abschiedsschmerz und Heimat wurde im alten Russland auch gerne über alle möglichen Beeren gesungen. Wer „Kalinka Malinka“ versteht, kann das bestätigen: Oh mein Holunder, Holunder mein, du Beere im Garten, mein Himbeerchen, oh mein Himbeerchen. Und so weiter und so fort.

Zweimal die Woche proben wir jetzt und sind schon gut integriert. Die Chorleiterin ist professionelle Sängerin in einem Irkutsker Volksmusikensemble, das hauptsächlich in den Sommermonaten für Touristen auftritt, aber auch für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten gebucht wird.

Demnächst werden wir zusammen mit den Chormädels ein deutsches Lied lernen. Welches ist noch ein Geheimnis, aber das Ergebnis wird auf jeden Fall hier online gestellt!

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Und sie sing für ihr Leben gern – im Unichor, im Jazzchor, Zuhause mit ihren Eltern, Mitbewohnern oder Freunden, in der Natur beim Wandern.

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