Die echten russischen Straßen

Svenja war mit ihrem „Ehemann“ Alex auf Olchon im Baikalsee. In einer kurzen Serie berichtet sie von den wundersamen Dingen, die sie dort erlebt haben.

Was Russland betrifft, bin ich ein verwöhntes Petersburger Mädchen. Außerhalb der Großstadt habe ich hier bisher kaum Zeit verbracht. Den ein oder anderen Kulturschock habe ich deshalb in Irkutsk schon erlitten; es ist in weiten Teilen Russlands wohl doch etwas anders als bei uns in Deutschland – oder eben in St. Petersburg.

Mit „anders“ meine ich in diesem Fall: weniger modern. Oft wurde ich in Russland auf die tollen Straßen in Deutschland angesprochen. Ich relativierte meistens: Schließlich gibt es bei uns zu Hause auch einige Landstraßen mit Schlaglöchern. Ich komme vom Dorf, wir haben keine Autobahnanbindung in unmittelbarer Nähe. Um Petersburg zieht sich immerhin ein hübscher neuer Autobahnring. Wie sich herausstellt, ist dieser natürlich kein russischer Standard.

Für unsere Reise nach Olchon fahren Alex und ich mit der Marschrutka fünf Stunden lang über eine mal mehr, mal weniger befestigte, mal mehr, mal weniger geteerte Straße. Marschrutkafahren kennen wir schon: Zwei Mal waren wir schon in Listvjanka am Baikalsee, etwa eine Stunde Marschrutkafahrt von Irkutsk entfernt. Hüpfen, schlittern, hupen und aufregende Überholmanöver waren uns also nicht neu.

Dass die Fahrt dieses Mal nicht nur eine, sondern fünf Stunden dauern soll, freut uns natürlich: Nervenkitzel pur. Aber vielleicht haben wir einen verantwortungsvollen Fahrer erwischt, vielleicht hat sich unser Magen schon an achterbahnartige Autofahrten gewöhnt; jedenfalls verläuft die Fahrt ohne unangenehme Zwischenfälle. Wir konnten ja auch auf der Fähre und an der Raststätte frische Luft schnappen (und hatten nur leicht gefrühstückt).

Der wahre Spaß beginnt dann, als wir auf der Insel sind. Die Straßenverhältnisse sind aufregend, um es vorsichtig auszudrücken. Das ist ja klar, denn den Touristen soll schließlich Spaß und Spannung geboten werden.

Und die Insel lebt vom Tourismus: Nach der Überfahrt mit der Fähre holpern wir noch eine gute Dreiviertelstunde auf Kiespisten über die Insel bis nach Huzhir, wo die meisten Hotels sind. Olchon ist sehr bergig. Je nach Steigung legt sich unsere Marshrutka deshalb auf die eine oder andere Seite. Hänge, Schlaglöcher und Steine auf dem Weg sind kein Grund, das Tempo zu drosseln. Schließlich sind alle hungrig und wollen ins Hotel. Da wir uns nicht anschnallen können (erstens sind die Gurte kaputt, zweitens wäre das auch ein Zeichen von Misstrauen gegenüber unserem Fahrer), klammere ich die ganze Zeit an Alex‘ Arm.

Nichtsdestotrotz: Die wilde fahrt trübt nicht unsere Aussicht und die ersten Eindrücke, die wir aus dem Fenster von der Insel gewinnen (für mich zumindest, solange ich nicht vor Angst die Augen zumache).

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Svenja Meyer studiert Interdisziplinäre Russlandstudien an der Uni Potsdam. Wenn sie nicht gerade Russisch, Französisch oder Arabisch lernt, macht sie am liebsten Kurztrips in Europas Metropolen.

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Ein Gedanke zu “Die echten russischen Straßen

  1. Also wir leben in einer großen polnischen Stadt mit eigentlich guter Infrastruktur, aber was ich hier schon durch Schlaglöcher gerumpelt bin! Hier verstehe ich das erste Mal Autofahrer, die SUV in der Stadt fahren. Und manchmal frage ich mich , wie lange die Achsen unserer Familienkutsche hier noch durchhalten…

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