Zu Gast bei den Schamanen

Svenja war mit ihrem „Ehemann“ Alex auf Olchon im Baikalsee. In einer kurzen Serie berichtet sie von den wundersamen Dingen, die sie dort erlebt haben.

Ich liebe es, Urlaub zu machen. Wenn ich mich um nichts kümmern muss, außer darum, darum, das ideale Maß von Entspannen und Nichtstun zu finden, ohne mich zu langweilen. Wenn ich im Bett rumliege, bis ich ans fertige Frühstücksbuffet gehe, wenn jemand hinter mir aufräumt, das Bad immer sauber ist, all diese Dinge. Okay, Alex wird jetzt protestieren, ich sei absolut unentspannt, schlafe nie lange genug, wolle viel zu viel unternehmen, … Trotzdem reisen wir gerne und viel zusammen, dieses mal auf die sagenumwobene Insel Olchon. Und zwar, noch bevor es richtig Winter wird.

Olchon ist die größte der 26 Inseln im Baikalsee. Legenden zufolge sie die Urheimat der Burjaten und deren Schamanismus – und gilt damit als größtes Heiligtum der zentralasiatischen Schamanen. Noch heute ist Olchon eine Pilgerstätte.

Fünf Stunden sind wir von Irkutsk nach Olchon unterwegs; knapp 300 Kilometer, zwei davon müssen wir mit der Fähre zurücklegen, den Rest mit der Marschrutka.

Olchon ist Niemandsland: Bergig, felsig, weitläufig. Steilküsten, Steppe, leuchtende Herbstwälder. Vereinzelt Bauernhöfe und ein paar Pferde- und Kuhherden, an denen wir vorbeifahren. Wir freuen uns auf zwei Tage Wandern und Fotografieren.

Alex und ich wohnen in Huzhir – mit rund 1350 Einwohnern ist es die größte Ortschaft auf Olchon. Es gibt noch einige weitere Dörfchen mit bis zu hundert Einwohnern auf der 730 Quadratkilometer-großen Insel. Huzhir besteht aus einigen Holzhäuschen, einem Supermarkt, Herbergen und Hotels. Kein Geldautomat, kein Nahverkehr, kein Touristenbüro. Stattdessen wird an vielen Häusern für Exkursionen Werbung gemacht. Allerdings kommen wir schon nicht mehr in der Hochsaison, die meisten Häuser sehen trotz Werbeplakaten sehr verlassen aus. Also keine Exkursionen für uns. Gut, dass Alex und ich sowieso lieber Individualtourismus machen.

Wir freuen uns schon auf unser Hotel: ein Zimmer mit Bad für uns beide ganz alleine, vielleicht sogar eine Badewanne? Auf jeden Fall keine Hochbetten, keine Ausgangssperre nach 23 Uhr. Richtige kleine Flitterwochen, genau das richtige nach unserer Spontanhochzeit Ende August. Ich male mir den Urlaub in den schönsten Farben aus. Bis die Empfangsdame meine Tagträume zerstört: „Sie haben ein Zimmer ohne Bad gebucht, das Bad befindet sich auf dem Flur.“

Peng. Das Traumbild zerplatzt vor meinem inneren Auge: keine warme Dusche mit flauschigen, sauberen, schneeweißen Handtüchern für uns. Aber ich gebe nicht sofort auf: „Nein. Wir haben sicher mit Bad gebucht.“ – „Haben sie nicht. Leider sind auch alle Zimmer mit eigenem Bad zur Zeit belegt. Ab morgen könnten Sie in ein anderes Zimmer umziehen. Für zusätzlich 1500 Rubel pro Nacht. Aber wissen Sie was, wir haben sowieso gerade Probleme mit der Heizung. Die Zimmer mit Gemeinschaftsbad sind noch die wärmsten.“

Ich bin kurz ein bisschen verstimmt. Das Bad, das wir uns mit anderen Hotelgästen teilen, hat seinen Namen eigentlich nicht verdient. Es ist eine eiskalte Abstellkammer mit dreckigem Fußboden und kaputter Dusche. Nachts fällt meist der Strom aus, also muss ich meine Taschenlampe mit ins Bad nehmen. Als ob das noch nicht genug wäre, funktioniert auch die Heizung auf unserem Zimmer nicht einwandfrei. Und das bei zehn Zentimetern Neuschnee.

Aber wir werden entschädigt: Das Bett ist so weich, dass wir Rückenschmerzen bekommen, so sehr haben wir uns schon an die Holzbretter im Wohnheim gewöhnt. Wir schlafen wie in einer Wolke aus weißen Daunendecken statt unter einer kratzigen Wolldecke mit Comicbezug.

Das Essen ist toll. Der Manager des Hotels entschuldigt sich zwar, es gäbe nur chinesisches Frühstück wegen der ausschließlich chinesischen Reisegruppen (wir sind weit und breit die einzigen Europäer), aber es ist wahrscheinlich die beste Verpflegung, die ich jemals auf einer Reise in Russland bekommen habe: reichhaltig, vielseitig und frisch; Gemüse, Pilze, Reis, Suppe, Salat, Eier. Der Manager verspricht, am nächsten Tag würde es russisches Frühstück geben. Und er verspricht nicht zu viel: kaltes Rührei gummiartiger Konsistenz, Brei, Kekse, Wurst.

Da Alex und ich keine Exkursionen gebucht haben, erkunden wir auf eigene Faust die Insel. Wir wandern am Ufer des Baikals an Wald und Steilküste entlang. Und wir mieten uns ein Quad, um ein bisschen weiter herumzukommen. Keine schlechte Idee bei den Straßenverhältnissen. Auch viele Einheimische fahren mit Quads oder Geländewagen durch die Gegend. Was die Fahrweise betrifft, steht Alex den Marshrutkafahrern in nichts nach. Die kulturelle Adaptation ist geglückt.

Der Schamanenfelsen ist der Legende zufolge der Ort, an dem sich ein schamanischer Gott einst niederließ. Er ist eines von neun Heiligtümern Asiens und darf laut schamanischer Tradition nicht von Normalsterblichen betreten werden. Noch heute werden an diesen Ort Opfer gebracht: Einige chinesische Touristen legen Münzen auf den Boden und verspritzen Wodka in die Luft.

Die westlichen Touris, also Alex und ich, machen einfach nur Fotos. Auch gut.

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Svenja Meyer studiert Interdisziplinäre Russlandstudien an der Uni Potsdam. Wenn sie nicht gerade Russisch, Französisch oder Arabisch lernt, macht sie am liebsten Kurztrips in Europas Metropolen.

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