Wie surfen

In Russland gibt es sehr viele verschiedene öffentliche Verkehrsmittel: Zug, Elektritschka (Regionalzug), Straßenbahn, Taxi, Bus, Trolleybus (Oberleitungsbus), Mirkoawtobus (kleiner Bus), Marschrutka (noch kleinerer Bus – a là VW-Bus).

Innerorts sind die Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmittel wie in Deutschland – abgesehen davon, dass alte, ausgediente Busse aus dem Ausland eingesetzt werden.

Geht es jedoch raus aus der Stadt, gleicht jede Reise mit dem Bus, dem Mikroawtobus oder vor allem der Marschrutka einer Achterbahnfahrt.

Viele Orte in Sibirien sind an kein Schienennetz angebunden oder werden nur sehr selten angefahren. Dafür sind die Busverbindungen sehr gut ausgebaut. Es gibt in jeder Stadt einen Busbahnhof mit funktionierendem Fahrplan. Zusätzlich gibt es inoffizielle Busunternehmer, die mit Kleinbussen oder eben Marschrutkas die umliegenden Ortschaften anfahren. In Irkutsk fahren diese inoffiziellen Marschrutkas vom Zentralmarkt ab – und zwar immer genau dann, wenn der letzte Platz besetzt ist.

Die Marschrutkas halten entlang ihrer Route überall da, wo Menschen aus- oder einsteigen wollen. Naturgemäß hat also nur derjenige einen Sitzplatz, der am Startpunkt einsteigt. Es sei denn, unterwegs ist jemand ausgestiegen. Das ist meistens nicht der Fall. Also heißt es: Rein in die Marschutka, an der Haltestange oben festhalten und hoffen, dass die Fahrt nicht allzu turbulent wird. Ein bisschen fühlt sich das an, wie surfen: Es geht permanent geradeaus, hoch und runter, als würde der Bus über Wellen fahren. Das Schlimmste ist, wenn die Marschrutka bremst: Die Körpermitte bewegt sich nach vorne, während Füße und Arme versuchen, die aufrechte Körperhaltung und damit ein letztes bisschen Sicherheit zu wahren.

Eine solche Reise ist immer ein Erlebnis, gerade wenn es durch die bergige Landschaft um den Baikal geht, wo gerne mal Mittelstreifen und Geschwindigkeitsbegrenzungen in steilen Bergabkurven ignoriert werden. Wenn die Hubbel auf der Straße zu groß sind kommt es auch vor, dass das Fahrzeug mitsamt Besatzung ein paar Sekunden lang fliegt – Aufregung pur.

Beim Aussteigen fühlt es sich tatsächlich so an, wie von einem Schiff zu steigen. Oder eben vom Surfbrett – komisch, dass sich der Boden unter den Füßen nicht bewegt.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Surfen war sie noch nie. Dafür hat sie als einzige der Gruppe schon im Baikalsee gebadet.

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