Rock statt Jazz

Schon seit Jahren höre ich gerne die Lieder von Grigorij Leps. Und ausgerechnet jetzt, wo ich in Irkutsk bin, tritt er hier auf. Natürlich muss ich zum Konzert!

Was der für Musik macht? Jazz, hätte ich wahrscheinlich gesagt. Und dann bin ich plötzlich auf einem Rockkonzert. Auf einem russischen Rockkonzert mit sehr lauten Gitarren. Aber der Reihe nach.

Das Stadion „Trud“ (russisch für Arbeit), in dem das Leps auftritt, ist nicht nur dem Namen nach ein Relikt aus Sowjetzeiten. Die Stuhlreihen, Marke sehr hart, sind auf alten Podesten auf dem Spielfeld aufgereiht. Für den stolzen Ticketpreis von fast 50 Euro hätte ich doch etwas mehr Komfort erwartet.

Neben mir sitzt ein Vater mit seiner Tochter, sie ist vielleicht fünf. Er beantwortet ihre Fragen zum Superstar, der gleich auftreten wird, und ich erfahre: Grigorij Leps ist der Lieblingssänger der Tochter, sitzt in der Jury der russischen Version von „The Voice“ und hat vier Kinder. Später im Internet finde ich noch heraus: Leps war stark alkoholabhängig, verlor zeitweise seine Stimme, ist ein großer Fan des russischen Präsidenten und darf nicht in die USA reisen, weil ihm scheinbar Beziehungen zum organisierten Verbrechen nachgewiesen werden können. So jemanden habe ich also mit meinen Geld unterstützt.

Ich lehne mich zurück und warte auf die schönen Balladen, die ich so gerne mag. Aber es gibt keine Balladen. Es gibt ein Rockkonzert. Gitarren, so laut, so hoch, dass meine Ohren schmerzen. Keine Pause zwischen den Liedern, eins geht ins andere über. Das Mädchen neben mir hält tapfer durch und klatscht begeistert mit. Ich hingegen möchte mir zwischendurch die Ohren zuhalten. Beim Gitarrensolo in der Pause, als sich der Sänger frisch macht, bin ich dann soweit.

Mittlerweile hab ich gelernt, dass russische Konzerte oft so laut sind. Ob das daran liegt, dass hier alle immer zu laute Musik hören und deshalb halb taub sind – ich weiß es nicht.

In der zweiten Hälfte kommen sie dann, meine lang ersehnten Balladen. Die Gitarren jaulen nicht mehr so in die Höhe, die Stimme des Sängers ist nun besser zu hören. Leps spielt ein berührendes Lied: „Was kann ein einzelner Mensch?“ Lyrisch, mit Hang zur Weltveränderung, Abkehr von Egoismus und Tatenlosigkeit, mit einem Video im Hintergrund, dass die Schrecken des letzten Jahrhunderts zeigt. Ich bekomme Gänsehaut und bin mir nicht ganz sicher, ob der Sänger tatsächlich so ein großer Fan seines Staatsoberhauptes sein kann.

Als Zugabe spielt Leps sein wohl bekanntestes Lied: „Nur ein Gläschen Wodka auf dem Tisch.“ Der Saal tobt, zwischendurch übernehmen die Fans komplett den Gesang. Zu meinem Erstaunen ist der Zuschauerchor laut genug, um gegen die Instrumente auf der Bühne anzukommen.

Als Abschlusswort empfiehlt der Sänger dann, Irkutsk solle sich endlich mal einen ordentlichen Saal bauen und verspricht, im nächsten Jahr wieder zu kommen.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk und hört nicht nur gerne russische Musik, sondern singt auch selber – im örtlichen Unichor.

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