Lecker Chlor

Wir schlafen im Wohnheim in Stockbetten, auf zwei dünnen Matratzen die, „weil durchgelegen“, aufeinander gestapelt werden. Trotzdem ist das Bett hart: Statt einem Lattenrost liegt ein Brett unter den Matratzen. Aber wir haben uns dran gewöhnt. Soll ja schließlich auch gut für den Rücken sein. Und noch sind wir jung. Und falls wir es gar nicht mehr aushalten sollten, „könnt ihr auch noch eine dritte Matratze holen“, da ist die Wohnheimdame nicht so.

Als Decke muss uns eine dünne Wolldecke genügen, die in einem Bettbezug steckt. Aber da hier so unverschämt viel geheizt wird, reicht das. Die Bettbezüge haben übrigens keine Öffnung an der Unterseite, sondern einen Schlitz an der Seite, durch den die Decke gefriemelt wird.

Der Bettbezug wiederum wird alle zwei Wochen gewaschen. „Alle zwei Wochen, Mädels, alle zwei Wochen! Auch ihr, jaja. Wir sind sauber hier!“ Dazu zieht das gesamte Wohnheim die Betten ab und bringt die Wäsche zur Wohnheimwärtin. Unsere Laken werden dann auf Flecken geprüft, man weiß ja nie. Und nein, das ist keine Diskriminierung, denn „auch bei Jungs passieren ja manchmal Unfälle, hihi“ beruhigt uns die Kommandantin. „Das habt ihr super gemacht, Mädels, die Wäsche ist ganz fleckenfrei“, lobt sie uns.

Wechseln!

Die Matratzen, so erklärt sie uns, sind schon neun Jahre alt, können aber nicht gewaschen, sondern nur desinfiziert werden, da die schwarze Watte innen drin sonst zusammengehen würde und wir noch härtere Matratzen hätten. „Aber bei uns ist alles sauber, wird alles mit Chlor behandelt. Wenn die Wäsche frisch aus unserer eigenen Wohnheimswäscherei kommt, riecht sie noch schön frisch nach Chlor.“ – Unsere Vorstellungen von Frische unterscheiden sich da offensichtlich. Aber sauber ist schließlich sauber.

Neue Wäsche gibt‘s natürlich dann auch, wahlweise mit Tom und Jerry, Blümchenmuster oder Schmetterlingen. Wir unterschreiben, dass wir alles erhalten haben: Kopfkissenbezug, Bettbezug und Leintuch, jeweils ein Stück.

Und wenn beim Bettenbeziehen auffällt, dass der Kissenbezug etwas fleckig ist: Kein Problem, ist ja alles steril hier. Und riecht sogar noch ein kleines bisschen nach Chlor.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk und baut gerne Freundschaften zu den Wohnheimsdamen auf.

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