Taiga? Tundra? Hauptsache, Sibirien!

Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga“ so besingt Alexandra in einem alten deutschen Schlager den sibirischen Nadelwald.

Große Sehnsucht nach der Taiga hat auch unser Besuch aus Deutschland. Nur mit dem Namen hapert‘s ein wenig: „Wann fahren wir denn jetzt in die Tundra?“ „Taiga heißt das“, wiederhole ich zum x-ten Mal. Auch Alexandra hat das damals nicht so ganz auf die Reihe gekriegt. Sie singt von endlosen Steppen und tiefen Wäldern. Beides gleichzeitig kann sie aber nicht haben in der russischen Taiga.

Denn: Taiga ist eine Bezeichnung für nördliche Waldgebiete – nicht nur in Russland, auch in Finnland oder Japan. Tundra hingegen ist Kältesteppe, da, wo schon kein Baum mehr wachsen kann. Um Irkutsk herum gibt es also nur Taiga zu sehen.

Taiga“, erklärt uns unsere Russischlehrerin, „ist ein ursibirischer Begriff. Früher war er nur im sibirischen Dialekt verbreitet, heute steht er im russischen Wörterbuch. Ein sibirisches Wort, das sich durchgesetzt hat.“

Und die Taiga muss jeder Sibirientourist gesehen haben. Sogar auf der Straße wird uns von einem wildfremden Mann empfohlen: „Wenn ihr etwas typisch Sibirisches sehen wollt, dann solltet ihr unbedingt die Skalniki besteigen, von dort aus hat man eine wundervolle Aussicht auf die Taiga.“ Skalniki sind Felsformationen, die sich noch über die Hügel der Taiga erheben.

Unsere deutschen Besucher werden am Bahnhof direkt identifiziert und von einem etwa achtzigjährigen ehemaligen Mathematiklehrer auf Deutsch angesprochen. Er ist gerade mit seinen Schachkameraden auf dem Weg zum Beerensammeln, hat aber noch Zeit für einen kleinen Plausch. Unsere Sprache, erzählt er, hatte er als kleiner Junge von einem deutschen Kriegsgefangenen gelernt. „Was für großartige deutsche Schriftsteller gibt es denn gerade in Deutschland?“, will er wissen. „Äh… Goethe? Schiller?“ „Nein, nein, ich meine jetzt gerade, aktuelle Schriftsteller.“ Auch nach längerem Nachdenken fällt uns niemand ein. Peinlich. Um unsre Ehre zu retten, muss der Statistiker unserer Gruppe eine Gleichung lösen, die ihm der ehemalige Mathematiklehrer stellt. Aber dann wird der Zug angekündigt, der kleine Zeitvertreib ist vorbei.

Dass Irkutsk trotz seiner halben Million Einwohner ein Dorf ist, stellen wir kurze Zeit später auf dem Bahnsteig fest, als wir den Mann treffen, der uns auf der Straße den Tipp gegeben hatte, zu den Skalniki zu wandern.

In Deutschland wird oft über Barrierefreiheit geredet. Wer schonmal mit einer Elektritschka, dem russischen Regionalzug, gefahren ist, der weiß, dass es hier noch ein weiter Weg zur Barrierefreiheit ist: Der Einstieg in den Zug liegt um einiges höher als der Bahnsteig. Abenteuerlich wird es dann, als wir aussteigen wollen, aber der Bahnsteig zu kurz ist. Ein sportlicher Sprung aus gut einem Meter Höhe war angesagt. Etwas wagemutig.

Der Wald um die Skalniki herum ist faszinierend vielseitig. Mal geht es über Stock und Stein, mal heißt es Klettern und nicht zwischen die großen Kiesel fallen, mal zieht sich eine Allee aus sich neigenden Bäumen durch den Wald. Endlich sehen wir sie dann: Die Skalniki sind wahrhaft beeindruckend. Wie gemauert stehen sie auf dem Hügel und sind kaum zu erklimmen. Mit viel Fantasie erinnern sie ein wenig an die Felsenskulpturen auf der Osterinsel. Zumindest sagt das der Reiseführer.

Der Rückweg ist dann doch länger, als wir ihn erwartet hatten, aber wir erreichen die Elektritschka zurück noch rechtzeitig. Auf dem Bahnsteig haben sich bereits viele Beerensammlerinnen und Beerensammler im Camouflagelook versammelt. Mit vollen Rucksäcken unterhalten sie sich über die besten Beerenfundorte und wo die Beeren am besten wieder verkaufen kann.

Die Taiga haben wir jetzt also erkundet. Bleibt noch die Tundra – aber dort werden sich wohl weder Beerensammler noch Touristen rumtreiben.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Wandern und Singen verbindet sie gerne, nicht nur in Russland.

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