Vorspeise, Hauptgang, Dessert

Wenn man in ein Land verreist, dann geht man dort aus praktischen oder kulinarischen Gründen oft essen. Mit einiger Reiseerfahrung lässt sich das dann auch gut mit anderen Ländern vergleichen.

Das Essen in Russland ist sehr gut, zumindest für alle, die Fleisch mögen. Dann gibt es eine große Auswahl. Für einen Vegetarier wird es hingegen schon schwieriger, für einen Veganer gar zur Kunst. Viel interessanter als das Essen an sich sind jedoch die Restaurants und der Service.

In Irkutsk gibt es einige nette Restaurants. Kommt man hinein, dann wird einem meist der Mantel abgenommen und man bekommt – wie in Deutschland nur in Diskotheken oder Theatern – eine Garderobennummer. Vielleicht dient das zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: Oft wird eine ganze Personalkraft dafür abgestellt, auch wenn nur wenige Leute im Restaurant sind. Standesgemäß wird einem danach der Tisch zugewiesen und die Menü-Karten gereicht. Nicht immer gibt es welche auf Englisch, aber oft sind Bilder dabei.

Es kommt vor, dass schon nach einer Minute eine Bedienung vorbei kommt und die Bestellung aufnehmen möchte. Meist muss sie nochmal höflich weggeschickt werden – die Zeit hat noch nicht gereicht, etwas auszusuchen. Dann kann es durchaus vorkommen, dass die Bedienung erst 20 Minuten später wieder auftaucht.

Es rät sich, bei der Bestellung schon einen Plan B bereitzuhalten. Es ist nämlich nicht unwahrscheinlich, dass gerade etwas auf der Karte nicht vorhanden ist, sei es ein Getränk, eine Vorspeise oder eine Hauptspeise. Irgendwo fehlt immer was. Gerne gibt die Bedienung hier dann Empfehlungen, was stattdessen munden könnte – manchmal etwas zu aufdringlich.

Ist dann erstmal bestellt, kann man sich langsam auf das Essen und die Getränke freuen. Allzu viel Durst sollte man aber nicht haben, denn es kann gut sein, dass die Getränke erst zum Essen oder noch später kommen. Und die Essenszubereitung dauert meist etwas länger, als man es aus Deutschland gewohnt ist.

Tabletts werden in Russland oft nur zum Abdecken benutzt, was dazu führt, dass die Getränke nicht gemeinsam kommen, wenn die Gruppe größer ist.

Auch bei der Reihenfolge des Essens – Vorspeise, Hauptgericht, Dessert – nehmen die Russen es nicht ganz so genau. In der Karte wird die richtige Reihenfolge zwar noch eingehalten, beim Servieren dann jedoch nicht mehr. Die Speisen kommen ohne erkennbare Logik an den Tisch – vielleicht einfach dann, sobald sie in der Küche fertig sind? Deshalb kann es sein, dass die Vorspeise erst nach dem Hauptgang kommt, die Beilagen zum Fleisch schon 15 Minuten früher oder auch erst, wenn das Fleisch schon aufgegessen ist. Aufeinander mit dem Essen zu warten ist daher nur dann zu empfehlen, wenn man auch gerne kalte Kartoffeln isst.

Gehört man zu der Sorte von Menschen, die etwas langsamer essen, dann darf man sich nicht gestört fühlen, wenn die Teller der anderen Gäste schon einmal abgeräumt werden, denn da sind die Russen sehr aufmerksam.

In Moskau scheint in den touristischen Restaurants immerhin die Reihenfolge der Speisen zu stimmen. Doch auch dort sind die Bedienungen oft sehr bestimmt. Als einmal eine nicht bestellte Vorspeise zu viel an den Tisch gebracht wurde, versuche uns eine nicht englischsprechende Bedienung die Vorspeise aufzuzwängen, obwohl der Tisch schon randvoll war, wir genug zu Essen hatten und die Vorspeise fast zehn Euro kostete. Nach minutenlanger, aber dennoch erfolgloser Überzeugungsarbeit zog die Bedienung grimmig mit den Worten „mad people, mad people“ ab.

Alles in allem lohnt sich Essen gehen in Russland. Es ist meist sehr lecker und für Westeuropäer sind sogar die etwas teuren Etablissements bezahlbar. Legt man jedoch viel Wert auf den Service und beschwert sich gerne mal über Kleinigkeiten im Restaurant, hat man nicht besonders viel Spaß. Auch Zeit sollte man mitbringen. Ist man jedoch nicht so penibel und legt mehr Wert auf das Essen als auf genauen Service, dann steht einer interessanten Erfahrung und einem leckeren Essen nichts im Wege.

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Thomas Goerttler hat seine Elena in Irkutsk besucht – und war gerne und oft mit ihr Essen. Jetzt ist er wieder gefahren, um ein Semester lang im italienischen Bozen Statistik zu studieren.

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