Küchenparty

Im Wohnheim werdet ihr nur auf Ausländer treffen, vor allem auf Asiaten, hatte uns die alte IRS-Generation erzählt. Entsprechend erstaunt waren wir dann, in der Küche Russinnen und Russen zu treffen – sowohl blondblauäugige mit slavischen Gesichtszügen als auch asiatisch aussehende. Ein Privet hier, ein was kochst du? da und schon kamen wir ins Gespräch. Wer was studiert, wer woher kommt: Ganz aus der Nähe, nur etwa 1000 Kilometer entfernt. Vor allem die jungen Männer fangen schnell an, mit uns Mädels zu sprechen – betonen dann aber ständig, dass die russischen Mädchen die schönsten seien.

Wir sind im Wohnheim für Masterstudenten gelandet. Das passt ganz gut, die Masterstudenten sind in unserem Alter. In Russland beginnen viele, schon mit 17, 18 zu studieren und fangen dann mit Anfang 20 ihren Master an.

Die meisten unserer Mitbewohner sind fürs Studium nach Irkutsk gezogen. Ob aus Burjatien oder “nur” von der anderen Seite des Baikalsees, sie sind sehr weit von Zuhause weg – und neu hier. Deshalb werden schnell Zimmernummern ausgetauscht oder eine gemeinsame Fahrt an den Baikalsee geplant.

Als Deutsche haben wir hier, wie so oft, einen Sonderstatus: Ihr seid aus Deutschland? Das ist so toll! Ich bin ein großer Tokio-Hotel-Fan und ich hab das Gefühl, dank euch ein Stück der Band in meiner Nähe zu haben. Auch Rammsteinsongtexte werden oft rezitiert. Mit russischem Akzent. Also fast wie im Original.

Für fragende Gesichter sorgt allerdings immer wieder unser Studiengang. Wie, ihr studiert Russland? Was habt ihr denn so herausgefunden bei euren Studien? Das akademische System unterscheidet sich deutlich von unseren Unis. Wie in der Schule gibt es Klassen, die Kurse heißen, und einen vorgegebenen Stundenplan für alle. Dementsprechend ist auch der Vertiefungsschwerpunkt von Anfang an festgelegt. Mit so etwas Vagem wie Interdisziplinären Russlandstudien können unsere russischen Kommilitonen nur wenig anfangen. Interessiert sind sie aber trotzdem.

Nach einer netten Küchenrunde endeten wir dann neulich alle zusammen beim Mafiaspielen. In Deutschland ist das Spiel unter dem Namen Werwolf bekannt. Hier in Russland kennt es jedes Kind, es gab sogar eine TV-Show, in der B-, C- und D-Promis mit- und gegeneinander Mafia spielten.

Ein Zimmer, fast 20 Leuten, viel Gelächter, Vorstellungsrunden, interessante Theorien, neue Bekannte – wahrscheinlich werden wir unsere Mitbewohner jetzt nicht mehr nur beim Kochen treffen.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk. Egal wo sie auftaucht, nach ein paar Tagen hat sie eine Schar neuer Freunde um sich. Wie sie das macht? Einfach reden.

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