Frei, so frei

Ich hab meinen Pass verloren. Er wurde nicht geklaut, ich hab ihn verloren. Aus Dummheit. Weil ich meinen Geldbeutel mit allen Dokumenten an der Bushaltestelle hab liegen lassen. Weil ich noch kurz was rausholen wollte und ihn dann neben mich gelegt habe. Weil ich ihn dann nicht mehr in die Tasche gesteckt habe.

Gemerkt hab ich das beim Aussteigen aus dem Bus. Ich konnte nicht bezahlen. Vielleicht hast du ihn im Wohnheim liegen lassen, meint meine Zimmernachbarin, meine siamesische Zwillingsschwester hier in Russland, die das Busticket für mich bezahlt. Vielleicht. Eher nicht. Aber vielleicht. Noch ist die Laune nicht am Tiefpunkt, es stellt sich eher eine leichte Besorgnis ein. Die Wohnheimsnachbarin schaut in unsrem Zimmer nach, stellt alles einmal auf den Kopf: kein Geldbeutel, kein Pass. Auch nicht an der Bushaltestelle, wo ich sie hinschicke.

Vielleicht hat sie ja was übersehen? Wir fahren selbst zurück zum Wohnheim. Und nein, wir sind ja nicht in Eile, deshalb nehmen wir den falschen Bus, machen eine kleine Rundfahrt, fahren zum Flughafen, raus aus der Stadt, wieder rein. Endlich im Wohnheim: kein Geldbeutel. Kein Pass. Doch nicht mehr so lustig, das Ganze. Aber Lachen ist meist besser als Weinen, also lachen wir.

Die Wohnheimsdame ist davon überzeugt, dass ich beklaut wurde. Dass ich einfach dumm all meine Dokumente an der Haltestelle liegen lasse, kann sie sich nicht vorstellen. Du musst zur Polizei, geh ganz dringend zur Polizei!

Gefunden, aber nicht mehr da

Ich fühle mich kurz ein bisschen wie Pavlik, der Elf, der seinen Pass zerschnitten hat, weil er das Konzept von Staaten und Grenzen und all dem blöd findet. Frei, so frei. Pavlik, der Elf, lebt aber auch ohne Geld und fährt mit selbstgebastelten Fahrkarten im Zug durch Europa. Ich glaube, so weit bin ich noch nicht. Und Russland ist nicht Europa. Und auch nicht Schengenraum.

Also geh ich erst mal wieder zurück zur Haltestelle. Die Frau im Kiosk hat gerade ein Nickerchen gehalten, ist jetzt aber ganz bei mir. Ihr Portemonnaie wurde gefunden, ja, ja, ein Mädchen wollte es bei mir abgeben, aber ich hab es nicht genommen, ich hab sie zur Polizei geschickt, dass sie es dort abgibt. Wie Sie zur nächsten Polizeistation kommen? Gehen Sie mal da vor zum Gericht, da erklärt man Ihnen das.

Also: Auf zum Gericht. Da ist man etwas irritiert. Aber ich erfahre, wo die nächste Polizeistation ist. In der Tram auf dem Weg dorthin sichten der siamesische Zwilling und ich einen Polizisten – dem laufen wir hinterher, der wird schon dahin gehen. Geht er nicht. Er geht zum Supermarkt. Wir finden die Polizeistation trotzdem.

Als ich dem Beamten am Eingang mein Problem erkläre, schaut er kurz in die Schublade an seinem Schreibtisch. Kein Geldbeutel da. Wurde nicht abgegeben. Er schaut mich fragend an, ich schaue fragend zurück. Und jetzt? Hier, füllen Sie das Formular aus und warten Sie auf Ihren Sachbearbeiter. Entschuldigen Sie, ich hab sowas noch nie gemacht, ich komm nicht von hier, was genau soll ich hier wie aufschreiben? Sie haben Ihren Geldbeutel verloren? Also schreiben Sie das auf, kann ja wohl nicht so schwer sein. Warten Sie auf Ihren Sachbearbeiter. (Nerv mich nicht, stell dich nicht so an, kleines, dummes, ausländisches Mädchen, sagt er in Gedanken, ich kann es hören.)

Ich füll das Formular aus, irgendwie, und warte auf den Sachbearbeiter. Der kommt auch, irgendwann. Und ich werde in die heiligen Hallen der Polizeistation vorgelassen. Das ist mein erstes Mal bei der Polizei. Und dann auch noch in Russland. Ein bisschen aufregend ist es schon. Und irgendwie auch ein bisschen lustig. Mit dem siamesischen Zwilling an meiner Seite kann ich nur lachen, die ganze Zeit. Humor der Verzweiflung, oder so. Die Leute um uns denken bestimmt, wir haben was genommen.

Geben Sie Ihren Ausweis da ab, dann können Sie mit rein. Äh, nee, stimmt ja, deswegen sind Sie ja hier, hm, na dann buchstabieren Sie mal Ihren Nachnamen.

Der Sachbearbeiter ist nett, er sagt mir, was ich wie ausfüllen muss, diktiert mir extra langsam und deutlich die Wörter, erstellt ein blumiges Protokoll meines Passverlusts. Es liest sich wie ein Schulaufsatz in der dritten Klasse: Das habe ich auf dem Weg zur Schule erlebt.

Und wie ist das jetzt hier, so ohne Papiere? Ich kann ja nicht ohne Papiere rumlaufen? Besorgen Sie sich eine Kopie, haben Sie eine? Ja, die Uni hat Kopien. Gut, und übermorgen rufen Sie da und da an, da bekommen Sie eine Bestätigung, dass Sie den Verlust gemeldet haben, damit können Sie auch einen neuen Pass beantragen, auf der Botschaft. Und gehen Sie mal noch zu der und der Polizeistation, die sind auch in Ihrer Region, vielleicht wurde der Geldbeutel ja da abgegeben. Doch doch, wir sind schon alle untereinander vernetzt, aber wenn Sie selbst dort nachfragen, geht’s schneller.

Ein neuer Pass?

Das war er schon, mein aufregender Besuch bei der Polizei. Leider nicht ganz so erfolgreich, wie ich mir erhofft hatte. Deshalb: Los zur Uni, Passkopien besorgen.

Mädels, ihr dürft eure Taschen nicht einfach so offen mit euch rumtragen. Wenn ihr Bus fahrt, müsst ihr die Taschen immer VOR dem Körper tragen und mit beiden Armen fest umklammern. Sonst wird euch da alles rausgeklaut. Ja, danke, ich weiß. Aber ich war so dumm und hab ihn einfach selbst an der Haltestelle liegen lassen. Ach, Mädels, ach Mädels.

So langsam finde ich alles doch nicht mehr ganz so witzig. Es ist nicht so cool, ohne Pass in Russland zu sein. Weinen geht trotzdem nicht, der siamesische Zwilling ist immer noch sehr erheitert. So erleben wir wenigstens was hier in Russland, Christina. Du wolltest doch was erleben! Abenteuer!

Ich google auf der Rückfahrt zum Wohnheim (diesmal ohne Umweg) das deutsche Konsulat. Sollte man grundsätzlich VOR dem Auslandsaufenthalt machen, ich weiß. In meinem Fall wäre die Botschaft in Novosibirsk zuständig, läppische 1500 Kilometer Luftlinie entfernt. Sie kann einen vorläufigen Pass ausstellen, der höchstens ein Monat gültig ist und ausschließlich zur Ausreise nach Deutschland berechtigt ist, nur direkt, nicht über Drittländer. Wie ich nach Novosibirsk kommen soll, ohne Pass? Müsste ich noch rausfinden, im Zweifel. Das einzig Gute: Weil ich in Deutschland nicht gemeldet bin, derzeit, könnten Sie auch einen richtigen, echten, jahrelang gültigen Pass ausstellen. Vielleicht ginge das ja dann, vielleicht müsste ich also doch nicht unbedingt auf Heimaturlaub.

Aber die ganzen Überlegungen erübrigen sich: Ihr Pass ist da, er wurde abgegeben, der ganze Geldbeutel ist da!, begrüßt und die Wachdame im Wohnheim. Nehmen Sie ihn, hier, und passen Sie gut drauf auf. Die Frau, die ihn abgegeben hat, hieß Oxana, mehr weiß die Wachdame auch nicht. Keine Nummer, keine Adresse.

Es ist alles noch da: Pass, Registrierung, Bankkarte, sogar das ganze Bargeld. Jetzt kann auch ich wieder lachen, aus vollem Herzen, lautstark, zusammen mit dem siamesischen Zwilling. Das Abenteuer ist vorbei, es ist nicht in ein Drama ausgeartet.

Danke, Oxana, vielen Dank!

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2 Gedanken zu “Frei, so frei

  1. hallo Christina
    du bist zu bewundern was du alles erlebst,und wie du dich so zurecht findest Gott sei
    Dank das du den Geld Beutel wieder hast
    Von uns gibt nichts Neues zu berichten endlich ist die Hitzewelle vorbei

    Machs gut Renate

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