Yeah, Lungen röntgen!

„Fljuorografija“ – eines der ersten Worte, die wir gelernt haben, als wir im Wohnheim ankamen. Gleich dazu kam „medicinskaja spravka“ – Gesundheitstest. Beides braucht man nämlich, um im Wohnheim wohnen zu dürfen. Das liegt, laut Wohnheimwärterin, daran, dass in unserem Wohnheim, dem Ausländerwohnheim, viele Studenten aus China und der Mongolei wohnen, die kein „gutes europäisches“ Immunsystem hätten und daher zum Beispiel Tuberkulose einschleusen könnten.

Wir haben das nochmal nachgeschaut – laut Wikipedia gibt es in Gegenden mit hoher Bevölkerungsdichte ein erhöhtes Tuberkuloserisiko. Die Gefahr, dass chinesische Studenten unwissend Tuberkulose mitbringen könnten, ist also nicht gänzlich unbegründet.

Und da im Ausländerwohnheim die gleichen Regeln für alle gelten (… zumindest manchmal), war es auch an uns, unsere Lungen auf etwaige Auffälligkeiten untersuchen zu lassen. Nur wo? Ein bisschen erinnert das, was dann kam, an Kafkas Prozess: Von A nach B irren, ohne wirklich zu wissen, wofür und warum, aber es muss eben sein, weil es so sein muss. Und nicht anders geht.

Von unserer Ansprechpartnerin im International Office der Uni wurden wir zur Universitätsklinik geschickt, geht da mal zu Doktor soundso, der kümmert sich dann. Dort wurde uns gesagt (nicht von Doktor soundso), wir könnten da die dermatologische Untersuchung machen, nicht aber die Fljuorografija. Dafür sollten wir in eine Poliklinik gehen, welche, sei egal. Und mit den Ergebnissen dann bitte wieder zurück zur Uniklinik. Also auf zur Poliklinik. Nur wo?

In Sichtweite unseres Wohnheims ist ein Krankenhaus. Also stapften wir ins Hauptgebäude dieses Krankenhauses, wo wir sofort als ausländische Studenten identifiziert und weitergeschickt wurden – in die Notaufnahme. Dort konnten sie aber auch nichts mit uns anfangen. Geht rüber über die Straße, da ist eine Poliklinik. War keine da, nur eine Schönheitsklinik. Also weitersuchen.

Zehn Minuten Fußweg vom Wohnheim standen wir dann endlich vor einem hochmoderenen Diagnostikcenter, mit der beeindruckenden Aufschrift „Wir sind 17 Jahre alt“. (Ob die Aufschrift jährlich erneuert wird, haben wir noch nicht herausgefunden.) Und dann ging plötzlich alles ganz einfach und schnell: Zettel ziehen, Pass abgeben, bezahlen und dann direkt zum Röntgenraum.

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Yeah, wir haben keine Tuberkulose!

Wie die Hühner auf der Stange saßen wir davor, unterschrieben, dass wir weder schwanger seien noch stillen würden und wurden dann nacheinander zum Röntgen gebeten. Obenrum freimachen, Bleiweste um die Hüfte, stellen Sie sich hier auf das schwarze Brett, Arme an die Hüften und mit den Schultern gegen das Glas lehnen, bitte. Einmal tief einatmen, dann die Luft anhalten. Aber selbst die Russischasse unter uns haben das nicht so ganz verstanden: Es stellte sich heraus, dass die Ärztin bei allen nachhelfen musste, bis wir richtig standen, obwohl wir die Anweisungen per stiller Post längst weitergetragen hatten.

Das Coolste war, dass wir die Röntgenbilder mit nach Hause nehmen durften. Wir wissen nun: Raucherlungen erkennt man nicht auf Röntgenaufnahmen der Lunge. Es sei denn, man hat 40 Jahre lang eine Packung am Tag geraucht. Wir wissen auch: Wir haben keine Tuberkulose.

Teil eins war also geschafft. Am nächsten Tag rückten wir dann pünktlich um neun bei der Uniklinik an, für die dermatologische Untersuchung. Zwei Stunden warten, zwei Minuten rein zum Arzt, Oberkörper frei, einmal umdrehn bitte, haben Sie irgendwelche Allergien? Nein? Gut. Hier haben Sie Ihre Bestätigung, bitteschön.

und auf Nimmerwiedersehen, hoffentlich.

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Das ist es, das sagenumwobene Dokument: die medicinskaja spravka fürs Wohnheim.

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Elena Reck studiert seit Herbst 2013 IRS in Potsdam. Das Wintersemester 2016/2017 verbringt sie mit Christina und sechs anderen PotsdamerInnen an der Staatlichen Baikal-Universität in Irkutsk und erledigt als Russischass der Gruppe den ganzen Bürokratie- und Orgakram.

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Ein Gedanke zu “Yeah, Lungen röntgen!

  1. Haha, das kommt mir alles sehr bekannt vor. Meine Spravka sah aber noch umspektakulärer aus, aber dafür musste ich auch nie etwas zahlen, verstehe nicht, wie die sich finanzieren…

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