Nicht mehr hier, noch nicht da

Ins Ausland gehen heißt auch, Dinge in Deutschland geregelt kriegen: Wohnung auflösen, Krams und Möbel unterstellen, bei allen wichtigen Institutionen die Adresse der Eltern als Kontakt angeben, beim Bürgerbüro abmelden. Mit dem Abmeldebescheid den Festnetz- und Internetvertrag wegen Umzugs ins Ausland vor der Frist kündigen (ja, das geht!). Die Krankenkasse informieren.

Ein bisschen fühlt es sich an, wie Auswandern. Aber es sind ja nur vier Monate, erstmal. Was dann kommt, ist für die meisten von uns offen. Ein Praktikum im russischsprachigen Ausland müssen wir laut Studienordnung noch machen, irgendwann zwischen Januar und Juli 2017. Die Bachelorarbeit schreiben, irgendwann im Sommer. Und dann – weiter studieren, Praktika, arbeiten? Das wird sich hoffentlich im nächsten Semester noch ein wenig klären. Ist ja noch ein bisschen hin.

Jetzt lösen wir erstmal unsre WG auf. Weil – wenn eine ganze WG zusammen ins Auslandssemester geht, ist es schwierig mit dem Untervermieten, meint die Wohnungsgesellschaft. Die letzte Party ist geschmissen, der Alkoholvorrat aufgebraucht, der Sperrmüll bestellt. Und es beginnt die Zeit dazwischen: Nicht mehr hier, aber auch noch nicht dort. Ich wohne in den zehn Tagen zwischen Wohnungsübergabe und Abflug bei Freunden. Die letzte Klausur an der Uni Potsdam habe ich bestanden, alle Hausarbeiten abgegeben und mein Koffer ist gepackt. Eigentlich warte ich jetzt nur noch, dass es losgeht.

Nebenher besuche Freunde, nutze meine Telefonflatrate ausgiebig und betreibe das, was mein Onkel kreatives Bummeln, ich positive Langeweile nenne: Zeit vertrödeln, ohne, dass ich mich schlecht dabei fühle. In Russland wird das nicht mehr so einfach gehen. Dort ist studieren nicht so, wie hier in Deutschland, haben uns unsere Vorgänger vorgewarnt. Klausuren schreiben, ohne die Vorlesung besucht zu haben? Seminare mit einem halbmotiviert vorgetragenen Referat bestehen? Is’ nicht. Stattdessen: Sprachkurse, Anwesenheitspflicht, Hausarbeiten auf Russisch. Ob es wirklich so schlimm wird, werden wir sehen. Aber bis dahin werde ich noch ein wenig positive Langeweile haben und kreativ bummeln. Mit gutem Gewissen. Schließlich muss ich danach wieder studieren. Und das auch noch auf Russisch.

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